Handels

Die Gegenwart der Kaufhäuser: Strukturwandel und Rettungsversuche 2024/2025 – Breuninger und Galeria

von Prof. Dr. Carsten Kortum
06.08.2025

Galeria: Neustart nach der Insolvenz vor einem Jahr

  • Galeria, ehemals Karstadt und Kaufhof, durchlief drei Insolvenzen innerhalb von vier Jahren und wurde im August 2024 von einem Konsortium um Bernd Beetz und die US-Investmentgesellschaft NRDC übernommen.
  • Seitdem schreibt das Unternehmen laut eigener Aussage von Anfang 2025 wieder durchgehend schwarze Zahlen – alle 83 verbleibenden Filialen seien rentabel, mit insgesamt knapp 2,5 Mrd.€ Jahresumsatz geplant.[1]
  • Modernisierungspläne sind ambitioniert: Für die kommenden fünf Jahre ist ein Umbaubudget in dreistelliger Millionenhöhe vorgesehen, um Filialen zu renovieren und digitaler/rentabler zu gestalten. Es gibt nach Unternehmensangaben einen festen Umbauplan.
  • Im Top Management gibt es überraschend Wechsel. CEO[2] im April und Einkaufschefin im Juli[3] verlassen das Unternehmen.

Trotz dieser Fortschritte bleibt laut Handelsblatt der Druck hoch: Ältere Stammkund*innen wenden sich ab, Vermieter und Branchenexperten zweifeln an der langfristigen Tragfähigkeit des stationären Geschäftsmodells. Umsatzrückgänge in Q2 sind die Folge.[4] Ungewöhnlich sind die sehr hohen Rabatte und Sales-Promotions in den größeren Kaufhäusern.[5]

Breuninger: Ein Verkauf ohne Update

  • Bereits im Jahr 2024 begann der Verkaufsprozess der Breuninger-Gruppe, inklusive Handelsgeschäft und Immobilien. Der potenzielle Unternehmenswert wurde mit rund 2–2,5 Mrd. beziffert, davon etwa 1,8 Mrd.€ für die Immobilien (Galeria besitzt keine Immobilien mehr).
  • Insgesamt sollen sich angeblich 31 Interessenten gemeldet haben – darunter bekannte Namen wie El Corte Inglés, Galeries Lafayette, Amazon, die Central Group sowie Richard Baker. Viele der genannten Händler sind sicherlich eher an dem Handelsgeschäft interessiert. Für 700 Mio. € Kaufpreis würde es 1,6 Mrd. € profitablen Umsatz geben.
  • Seit dieser Ankündigung im Frühjahr 2024 gab es keine neuen öffentlich zugänglichen Entwicklungen – weder Details zur konkreten Käuferstruktur noch verbindliche Angebote wurden bekannt. Der Verkauf scheint nicht in Sicht. Offen bleibt, ob es eher an der Nachfrage- oder Angebotsseite liegt.

Diskussionsperspektiven im Handelsblatt

Die Beiträge im Handelsblatt zeichnen ein Bild differenzierter Branchenanalyse (Kaufhaus ist nicht gleich Kaufhaus!):

  • Bei Galeria steht im Fokus, wie ein insolventes Warenhaus durch restrukturierte Geschäftsführung, reduzierte Bürokratie, Digitalisierungs- und Modernisierungsprogramme sowie marktkonforme Mieten neu aufgestellt werden kann. Kooperationen mit anderen Händlern sollen gerade junge Zielgruppen ansprechen.
  • Breuninger hingegen steht exemplarisch dafür, wie ein stationär starkes, aber familiengeführtes Traditionsunternehmen auf Käuferseite transformiert werden könnte – mit Fokus auf hohe Immobilienwerte und eine mögliche zukünftige Integration durch internationale Handelsplayer.

Die Diskussion beleuchtet zentrale Trends:

  • Die Zugkraft von Omnichannel‑Konzepten (stationär + online, bei Breuninger 50:50 Umsatzanteile) bleibt entscheidend.
  • Der Wert von Innenstadtimmobilien rückt in den Mittelpunkt.
  • Innovative Betreiber und Immobilieninvestoren sind zunehmend die wichtigsten Marktakteure.

Zukunftsszenarien für die deutschen Kaufhäuser

  1. Galeria auf dem Weg zu einem modernen Omnichannel-Modell

Mit positiver Gewinnentwicklung, Renovierungen per Eigenfinanzierung und Fokus auf lokales City‑Erlebnis könnte sich Galeria stabilisieren – allerdings nur mit klar durchdachtem Serviceangebot und Kundenbindung für jüngere Zielgruppen.

  1. Breuninger vor einer internationalen Neuausrichtung
  • Sollte der Verkauf tatsächlich umgesetzt werden, liegt das Potenzial in der Integration durch einen internationalen Player (z. B. El Corte Inglés, Galeries Lafayette, Central Group), der Omnichannel-Fähigkeit und Luxusposition vereint.
  • Alternativ könnte ein Investor nur die Immobilien übernehmen, während das Handelsgeschäft langfristig eigenständig weitergeführt oder umgebaut wird.
  • Solange der Prozess stockt, bleibt unklar: Gelingt der Exit? Kommt neue Dynamik oder stagniert die Entwicklung?
  1. Globale Trends stärken Innenstadt-Relevanz oder definieren sie neu
  • Städte setzen zunehmend auf Mixed-Use-Konzepte (Wohnen, Gastronomie, Kultur), um Innenstädte zu beleben.
  • Kaufhäuser müssen sich verwandeln – hin zu Erlebnisorten, Servicezentren oder städtischen Treffpunkten.
  • Nur digital und lokal vernetzt bleibt zukunftsfähig – der Wandel wird durch Technologie und urbane Planung gemeinsam gestaltet.

Fazit

Die aktuelle Lage zeigt: Kaufhäuser bleiben ein relevantes Format – aber nur unter veränderten Bedingungen:

  • Für Galeria bedeutet der Neustart durch Investoren eine echte Chance – aber auch ein zähes Ringen um moderne, profitable Konzepte und eine neue Zielgruppendynamik.
  • Bei Breuninger bleibt der mögliche Verkauf der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Ohne konkrete Käufer oder Strategie droht eine starre Phase. Doch eine erfolgreiche Übernahme könnte ein Modell für Premiumkaufhäuser sein. Vielleicht sogar im Verbund mit Häusern in ganz Europa.

Ob unter Schweizer, amerikanischer, asiatischer oder französischer Führung – der Kaufhausstandort Deutschland steht erneut an einer Wegscheide: Mobiler, digitaler, vernetzter – und möglicherweise unübersehbar anders. Auf jeden Fall ist der Betriebstyp Kaufhaus nicht tot.

[1] Vgl. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/familienunternehmer/galeria-bei-uns-ist-es-ein-mantra-dass-jedes-haus-schwarze-zahlen-schreibt-01/100100399.html

[2] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/handel/personalien/benelux-laender-ex-galeria-chefvan-den-bossche-geht-zumediamarkt-185679

[3] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/handel/personalien/personalie-galeria-verliert-einkaufschefin-alexa-deters-185573

[4] Vgl. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/galeria-warenhausbetreiber-in-der-krise-umsatz-nach-insidern-unter-plan/100142568.html

[5] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/handel/nachrichten/warenhauskonzern-galeria-raeumt-auf-185493

Die neusten Studien

Band21 Shadow

Band 21

Kriterien der Einkaufsstättenwahl in der DIY-Branche. Eine empirische Untersuchung zum Konsumentenverhalten in der Baumarktbranche.

Maximilian Timm, Carsten Kortum

Oktober 2023

Band20 Shadow

Band 20

Kundenreaktion auf Out-of-Stock von Food- und Nonfood- Aktionsartikeln bei verschiedenen Betriebstypen im Lebensmitteleinzelhandel

Marcel Gimmy, Prof. Dr. Carsten Kortum

Mai 2023

Titel Band 19 Homepage Neu

Band 19

Klimaneutralität im deutschen LEH
Diskussionsbeitrag auf Basis von acht Experteninterviews

Alesia Kehl, Stephan Rüschen

November 2022

Die neusten Whitepaper

Nr. 60
KI trifft Konsum: Weihnachtsgeschenke 2025 – Eine Studie zum digitalen Einkaufs- und Preisverhalten
Carsten Kortum
Dezember 2025
Nr. 59
Coupons im Daten-Dilemma – Nutzung, Wahrnehmung und Datenschutz von digitalen Coupons im Handel
Carsten Demming, Carsten Kortum
November 2025
Nr. 58
Bio-Markt 2025 – Back on Track?
Stephan Rüschen, Andrea Nitsche
November 2025

Die neusten Blogbeiträge

Small Talk in E-Mail-Verhandlungen: Wie das kalte Medium „E-Mail“ zwischenmenschlich attraktiv wird

von Anna Bickenbach & Jannik Schwarz (Studierende der DHBW Heilbronn)

Anmerkungen zum Gutachten der Monopolkommission „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“

von Prof. Dr. Oliver Letzgus

Ist der Bio-Markt ‚Back on Track‘? Ja!

von Prof. Dr. Stephan Rüschen, Andrea Nitsche

REWE App: Der unterschätzte Schmerz des Verpassens

von Prof. Dr. Carsten Kortum

Wieso erhöht AB InBev wohl die Preise – gerechtfertigt oder überzogen?

von 14.11.2025