Handels

Digitale Geschäftsmodelle im Handel in der Krise?

von Carsten Kortum
20.06.2022

Wenn wir uns die Kursentwicklung in 2022 von börsennotierten digitalen Geschäftsmodellen im Handel anschauen, gibt es nur kräftige Minuszeichen. Die Kapitalmärkte sind inzwischen sehr skeptisch eingestellt was die Zukunftsaussichten von E-Commerce, E-Food, Plattformen und den Dienstleistern für diese digitalen Anbieter angeht. Dabei haben sich einige Anbieter, was Umsätze und Kundenzahlen angeht, in den letzten beiden Jahren sehr gut entwickelt.

Die meisten Geschäftsmodelle sind weiterhin weit entfernt von der Profitabilität und positiven Cash-Flows. Es muss weiterhin viel Kapital durch die Außenfinanzierung zur Verfügung gestellt werden. Die steigenden Zinsen in den USA erhöhen die Kosten für Risikokapital. Bei den Kapitalkosten ist von weiteren Steigerungen auszugehen. Zusätzlich sind digitale Händler wie auch stationäre von den steigenden Material-, Logistik und Personalkosten betroffen. Die Probleme vor Shanghai betreffen Zalando genauso wie New Yorker mit rein stationärem Geschäft.

Im Folgenden wird für verschiedene digitale Handelsbereiche jeweils exemplarisch ein Unternehmen vorgestellt:

E-Commerce Textil:

Der Platzhirsch Zalando hat im ersten Quartal (Q1) gegenüber Vorjahreszeitraum 1,5% Umsatz verloren. Hier zeigt sich deutlich das in kurzer Zeit wieder veränderte Konsumverhalten. Der stationäre Einzelhandel gewinnt Marktanteile zurück. Allerdings konnte die aktive Kundenzahl noch einmal um 5,2% und auch die Umsätze als Plattform-Händler gesteigert werden. Das Ebit ist wieder im Minus mit 2,3% vom Umsatz nach einem Plus von 4,2% in Q1 2021. Die operativen Kosten steigen, die Lieferketten waren in Q1 wie auch bei andere Textilhändlern gestört. Von Optimismus ist im Ausblick keine Spur, wenn auch weiterhin in die Entwicklung des Geschäftsmodells und in Werbung investiert wird. Bei Zalando müssen die Kosten wieder den Erträgen angepasst werden. Die breite Kundenbasis in Europa spricht für das Geschäftsmodell.

E-Commerce Autohandel:

Carvana wird mit seiner Handelsplattform und seinen Vending Machines oft als Amazon des Autohandels bezeichnet. In Q1 konnten im stark fragmentierten Gebrauchtwagenhandel in den USA die Marktanteile gesteigert werden, aber das Umfeld ist sehr herausfordernd. Auch interne Probleme in den Prozessen und Disruptionen in der Logistik sowie hohe Fixkosten bei schwankenden Geschäften prägen das Geschäftsmodell. Trotzdem konnten die Absatzzahlen um 14% und die Umsätze um 56% gesteigert werden. Die Erträge können da jedoch nicht mithalten. Die Handelsmarge ging zurück auf nur noch 8,5%. Die steigenden Zinsen zeigen sich bereits in den Zahlen. Die Verluste betrugen sehr hohe 506 Mio. USD gegenüber nur 82 Mio. USD in der Vorjahresperiode. Ob man sich da noch einmal eine Super Bowl Werbung leistet? Alle Kosten stehen auf dem Prüfstand. Die langfristigen Erwartungen bleiben jedoch sehr positiv. Der Markt in den USA ist beliebt und mit 40 Mio. verkauften Autos sehr stabil. Die Verluste bei Carvana sind derzeit jedoch immens hoch und verhindern vielleicht die Wahrnehmung von Potentialen in den nächsten Jahren.

E-Food:

Der britische Online-Supermarkt Ocado steigert Effizienz und Geschwindigkeit bei E-Food kontinuierlich. Die Technologien der vollautomatisierten Lager- und Kommissionierungssysteme werden auch Dritten angeboten. Die Kooperation mit Marks&Spencer bei Ocado.com zahlt sich bereits aus. Im Retail Geschäft steigen jedoch die operativen Kosten stärker als die Umsätze. Die Kundenzahl konnte in Q1 2022 noch einmal um beachtliche 31%, die Anzahl der Bestellungen um 11,6 % gesteigert werden. Die Höhe der durchschnittlichen Warenkörbe ging jedoch um 15% zurück. Die Umsätze sind im Ergebnis um 5,7% gefallen gegenüber einem durch die Pandemie geprägten Vorjahresquartal. Gegenüber Q1 2020 steht aber immer noch ein Wachstum von 31,7%. Auf lange Sicht sieht das Management einen positiven Wachstumspfad und investiert in den weiteren Kapazitätsaufbau. Kurzfristig dominiert die Unsicherheit mit Inflation und Nachfragerückgängen.

Quick-Commerce:

Gorillas als Schnelllieferdienst sieht sich in einer Phase maximaler Unsicherheit. Diese Unsicherheit bezieht sich auch auf die Frage wer von den Anbietern am Ende übrig bleibt. Es wird bei Gorillas Personal abgebaut und das Management hat eine sehr hohe Fluktuation. Zunehmend werden schwarze Zahlen von Investoren gefordert und vom Management auch angestrebt. Dieses wird versucht durch Kostensenkungen. Insbesondere die Supply-Chain und der Einkauf über Kooperationen mit etablierten Händlern sind hier die Handlungsfelder. REWE und Flink sowie Picnic und EDEKA sind gute Partnerschaften, aber wie soll Gorillas an gute Einkaufskonditionen kommen? Die Schwarz-Gruppe und Aldi sind da schwer vorstellbar. Das alleine wird nicht ausreichen, auch die Erträge müssen drastisch gesteigert werden. Ohne höhere Liefergebühren, Bündelung von Lieferungen, Verlängerung der Zustellzeiten und Mindestbestellwerte wird das nicht funktionieren. Die Kundenakzeptanz bei gewissen Zielgruppen ist da und wird auch bei höheren Kosten noch gegeben sein. Wir können gespannt bleiben wer den langen Atem hat und sich das Geldverbrennen leisten kann, bis am Horizont die schwarze Null auftaucht.

Plattformen:

Etsy hat sich in wichtigen Konsummärkten etabliert als Plattform für kreative Produkte. In Q1 ist erstmals der auf der Plattform etsy.com getätigte Umsatz um 2% gesunken. 17,8% der Plattformumsätze verbleiben bei Etsy. Dieser Anteil konnte um 5,2% gesteigert werden. Es gelingt also auch hier aus dem Bestandgeschäft zusätzliche Wertschöpfung zu generieren. Gegenwind kam durch die Wiedereröffnung des stationären Handels und makroökonomische Trends. Die Kosten insbesondere bei Personal sind weiter stark angestiegen trotz rückläufiger Umsätze. Hier ist nicht entschieden genug gegengesteuert worden bei einem Kostenanstieg der operativen Kosten von 25,2%. Im Ergebnis ist das Geschäftsmodell aber noch profitabel, wenn auch der Nettogewinn um 40,1% zurückgegangen ist auf 14,8% der Umsätze. Interessanterweise gelingt es der Plattform 62,8% mehr aktive Verkäufer, aber nur noch 4,9% mehr aktive Käufer zu gewinnen.

Als Fazit kann festgehalten werden, digitale Händler können sich wie stationäre Formate nicht von den globalen Trends wie bpsw. gestörten Lieferketten und steigenden Zinsen abkoppeln. Auch wenn die Umsätze kaum noch wachsen, werden die gewonnenen Marktanteile der letzten zwei Jahre gesichert. Von der Profitabilität sind viele Geschäftsmodelle noch weit entfernt. Es fehlt teilweise die Kostendisziplin und die Prozesse sind mit dem starken Wachstum nicht mitgekommen. Von einer Krise kann aber noch nicht gesprochen werden, vielleicht eher von einer Atempause nach oft stürmischem Wachstum.

Die Kapitalmärkte teilen nicht die meist noch positiven Geschäftsausblicke der Händler. Alle vorgestellten Unternehmen sind mehr als 50% von ihren Höchstkursen entfernt. Hier befindet man sich im Sog der anderen Tech-Aktien. Wenn Wachstum und Profitabilität in Einklang kommen, könnten sich hier gute Einstiegschancen ergeben.

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