Handels

Dollarabwertung, Zollkonflikt und US-Staatsverschuldung

von Prof. Dr. Oliver Letzgus
07.07.2025

Bis in die jüngste Vergangenheit gab es an den internationalen Finanzmärkten eine eherne Regel: Internationale Krisen, seien sie politischer oder wirtschaftlicher Art, führen zu einer verstärkten US-Dollarnachfrage und in der Folge zu einer Dollaraufwertung. So war es beispielsweise während der Weltfinanzkrise, der Euro-Staatsschuldenkrise, der Corona-Epidemie oder im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine.

Anleger, so die allgemeine Lesart, steuern in Krisenzeiten gerne sichere Häfen an. Zu diesen zählen neben Gold und dem Schweizer Franken insbesondere der US-Dollar. Dieser bezog seine Attraktivität als Krisenwährung aus seinem Status als globales Zahlungsmittel, der hohen Liquidität des amerikanischen Kapitalmarktes, der wirtschaftlichen und militärischen Stärke der USA sowie seiner politischen Stabilität.

Gegenwärtig scheint dieses Urvertrauen in den Greenback zu bröckeln. Trotz weltweiter Krisen – Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Iran, Grenzkonflikt zwischen Indien und Pakistan, Handelsstreitigkeiten, drohendes Auseinanderbrechen der NATO, latente Spannungen um Taiwan usw. – hat der US-Dollar beispielsweise gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn rund 13 Prozent an Wert eingebüßt. Musste man zum Jahreswechsel noch 97 Euro-Cent für einen US-Dollar aufwenden, so reichen gegenwärtig 84 Euro-Cent.

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Bei der Erklärung dieser untypischen Entwicklung landet man – wie kann es anders sein – bei US-Präsident Donald Trump und seiner unkonventionellen Wirtschaftspolitik. Da ist zum einen die amerikanische Handelspolitik. Die Trump-Administration droht unverhohlen mit der Einführung hoher Zölle auf ausländische Waren, sollten sich die Handelspartner nicht auf genehme Deals einlassen. Sollte es zu keinen Einigungen kommen, droht ein globaler Handelskrieg mit unabsehbaren Folgen für die globale Konjunktur. Ein massiver Rückgang beim grenzüberschreitenden Austausch von Waren und Dienstleistungen verringert jedoch den Bedarf am US-Dollar als globalem Zahlungsmittel. Die USA scheinen auch nicht mehr gewillt zu sein, über eigene Zahlungsbilanzdefizite die Welt mit US-Dollar zu versorgen. Akteure rund um den Erdball suchen deshalb nach Alternativen zum US-Dollar. Es ist zwar momentan keine Währung in Sicht, die die überragende Stellung des US-Dollar einnehmen könnte. Erste Absatzbewegungen dürften jedoch im Gange sein.

Noch stärker als die Handelspolitik scheint aber die amerikanische Fiskalpolitik das Vertrauen in die US-Währung zu belasten. Die USA haben gegenwärtig 37 Billionen US-Dollar an Staatsschulden, das entspricht ca. 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Die Verschuldung Deutschlands liegt bei 3 Billionen Euro, was rund 63 Prozent des BIP entspricht (allerdings dürfte sich dieser Wert infolge der gelockerten Schuldenbremse in den kommenden Jahren ebenfalls deutlich nach oben bewegen…). Mit dem in der letzten Woche verabschiedeten Haushaltsgesetz „Big Beautiful Bill“, dessen Kernelemente eine Fortschreibung der in Trumps erster Amtszeit beschlossenen Steuersenkungen sowie zusätzliche Ausgaben für Verteidigung und Grenzschutz sind, dürfte die US-Staatsverschuldung weiter nach oben gehen. Die zur Gegenfinanzierung vorgesehenen Kürzungen bei der Krankenversicherung, Lebensmittelbeihilfen und Subventionen können den Anstieg nicht verhindern. Schätzungen zufolge dürfte die Staatsverschuldung durch dieses Gesetz um bis zu drei Billionen US-Dollar steigen.

Warum aber schwächt eine wachsende Staatsverschuldung der USA deren eigene Währung? Als größter Schuldner weltweit sind die Vereinigten Staaten darauf angewiesen, ausländische Kreditgeber dafür zu gewinnen, ihr Kapital in amerikanische Staatsanleihen anzulegen. Dies werden sie aber nur dann tun, wenn sie überzeugt sind, ihr angelegtes Geld auch zurückzuerhalten. Die US-Haushaltspolitik weckt daran Zweifel, abzulesen an den Bonitäts-Herabstufungen durch die Ratingagenturen und den gestiegenen Risikoprämien. Für eine Staatsanleihe mit 30jähriger Laufzeit muss der amerikanische Staat den Gläubigern aktuell etwa 5 Prozent jährliche Verzinsung bieten, um Käufer zu finden. Der deutsche Staat muss für dieselbe Laufzeit seinen Kreditgebern lediglich 3 Prozent Zins bezahlen. Hohe Zinszahlungen belasten den staatlichen Haushalt jedoch zusätzlich. 2024 musste der amerikanische Finanzminister ca. 1,2 Billionen US-Dollar allein für Zinszahlungen aufwenden, mehr als für Verteidigung und Tendenz weiter steigend. Eine Entwicklung, die die Gläubiger nicht unbedingt beruhigt.

In diesem Licht ist auch der wachsende Druck der Trump-Regierung auf die US-Notenbank zu sehen, die Leitzinsen zu senken, um so den Staatshaushalt kurzfristig zu entlasten. Der damit verbundene Inflationsanstieg drückt als angenehmer Nebeneffekt den Realwert der Schulden – auch nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme für ausländische Kapitalanleger.

Es hat den Anschein, als würde von der US-Regierung die Dollarabwertung entweder bewusst herbeigeführt oder zumindest billigend in Kauf genommen. Das spricht dafür, dass die Talfahrt noch weitergehen könnte.

Welche Folgen hat der Dollarverfall für Deutschland:

  • Zusätzlich zu den Zöllen werden die Exportunternehmen durch die Dollarabwertung in Schwierigkeiten gebracht. Ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit am US-Markt leidet. Umgekehrt können US-Waren hierzulande günstiger angeboten werden. Zu all den Herausforderungen, mit denen unsere heimische Wirtschaft ohnehin schon zu kämpfen hat, tritt mit der Dollarabwertung ein weiterer Risikofaktor, der den erhofften Aufschwung verhindern könnte.
  • Auf der anderen Seite sinkt der Inflationsdruck. Für Rohstoffe wie Erdöl, die üblicherweise in US-Dollar abgerechnet werden, muss in Euro weniger bezahlt werden. An den Tankstellen ist dies bereits zu spüren. Die gesunkenen Inflationsrisiken – im Euroraum liegt die Teuerungsrate inzwischen beim Zielwert von 2,0 Prozent – eröffnen der EZB die Möglichkeit, mit Leitzinssenkungen die Konjunktur anzuschieben.
  • Wer trotz allem Urlaub in den USA machen möchte, muss aufgrund des schwächeren Dollar hierfür weniger bezahlen.
  • Die Dollarabwertung schreckt internationale Kapitalanleger von US-Anlagen ab. Kursgewinne am US-Aktienmarkt wurden im Jahresverlauf etwa für europäische Investoren durch Wechselkursverluste weitgehend aufgezehrt. So wundert es nicht, dass europäische Aktien zuletzt an Attraktivität gewonnen haben. Der Deutsche Aktienindex legte im bisherigen Jahresverlauf um fast 20 Prozent an Wert zu.

 

Starke Dollarschwankungen sind heute vor allem Ausdruck einer erratischen amerikanische Wirtschafts- und Haushaltspolitik. Der Satz des früheren US-Finanzministers aus dem Jahr 1971, wonach „der Dollar unsere Währung, aber euer Problem ist“, gilt nicht mehr uneingeschränkt. Er könnte auch für die USA zum Problem werden, mit unkalkulierbaren Folgen für das internationale Wirtschafts- und Währungsgefüge.

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