Die Kraftstoffpreise sind seit Beginn des Nahostkriegs deutlich gestiegen. Mussten im Februar für einen Liter Benzin (E 10) in der Regel rund 1,75 EUR bezahlt werden, so liegt der Preis Ende März bei ca. 2,05 EUR und damit gut 17 Prozent höher. Der Preis für einen Liter Diesel ist sogar um mehr als 55 Cent oder 32 Prozent gestiegen. Wenig überraschend wurde rasch von vielen Seiten die Forderung gestellt, der Staat müsse etwas gegen die hohen Spritpreise tun. Wahlweise wurden ein Eingreifen des Kartellamts gegen angeblich wettbewerbswidriges Verhalten der Mineralölkonzerne, Übergewinnsteuern, Mineralölsteuersenkungen und Preisobergrenzen für Sprit verlangt.
Um über staatliche Eingriffe zu diskutieren, ist es hilfreich, sich zunächst die Zusammensetzung des Benzinpreises genauer anzuschauen. Bei einem Tankstellenpreis von 2,05 EUR kassiert der Staat 1,12 EUR (33 Cent MwSt, 65 Cent EnergieSt, 14 Cent CO2-Abgabe), was 55 Prozent des Verkaufspreises entspricht. Damit verbleiben dem Verkäufer 93 Cent. Bei einem gegenwärtigen Weltmarktpreis pro Barrel Rohöl (=159 Liter) von 108 USD (= 94 EUR/Barrel bei einem Wechselkurs von 1,15 USD/EUR) liegt der Einkaufspreis für unverarbeitetes Öl bei 59 Cent pro Liter. Stellt man den Mineralölkonzernen – bei vorsichtiger Schätzung – 20 Cent pro Liter für Raffinierung, Verarbeitung, Transport und Vertrieb in Rechnung, verbleiben 9,5 Cent als Gewinn pro Liter Benzin. (Anders sieht es aus, wenn ein Ölkonzern über eigene Ölquellen verfügt. Dann profitiert dieser unmittelbar vom gestiegenen Weltmarktpreis, ohne dass die Förderkosten gestiegen wären.)
Tabelle: Wie setzt sich der Benzinpreis (E10) am 30. März 2026* zusammen?
Komponente | €/Liter | Anteil am Preis |
Rohöl | 0,591 € | 28,8 % |
Raffinerie & Verarbeitung | 0,14 € | 6,8 % |
Transport & Logistik | 0,06 € | 2,9 % |
Tankstellenbetrieb (Kosten) | 0,04 € | 2,0 % |
Marge gesamt | 0,095 € | 4,6 % |
Energiesteuer | 0,654 € | 31,9 % |
CO₂-Abgabe | 0,142 € | 6,9 % |
Mehrwertsteuer (19 %) | 0,327 € | 16,0 % |
Gesamtpreis | 2,05 € | 100 % |
*Der Weltmarktpreis lag an diesem Tag bei 108 USD/Barrel, der EUR-USD-Wechselkurs bei 1,15 USD/EUR, der Verkaufspreis an der Tankstelle bei 2,05 EUR/Liter Benzin E10. Aus Vereinfachungsgründen wurde angenommen, dass aus einem Liter Rohöl ein Liter Benzin gefertigt wird.
Ob ein Gewinn von 9,5 Cent je Liter Benzin eine Übergewinnsteuer – was immer auch ein „Übergewinn“ sein soll – rechtfertigt, sei jedem selbst überlassen. Wenn 4,5 Prozent Marge bezogen auf den Bruttopreis von 2,05 EUR/Liter übermäßig sein soll, dann müssen sich jedenfalls andere Branchen warm anziehen und jederzeit den gefräßigen Leviathanstaat fürchten.
Dass die Gewinne nicht höher ausfallen, ist dem intensiven Wettbewerb am deutschen Tankstellenmarkt geschuldet. Es handelt sich hierbei um eine oligopolistische Marktstruktur, wie wir sie etwa auch aus dem Lebensmitteleinzelhandel kennen. Auf die fünf größten Tankstellenketten entfällt ca. die Hälfte aller Tankstellen. Allerdings gibt es regional erhebliche Unterschiede, was die Intensität des Wettbewerbs anbelangt. Gleichwohl ist es absolut sinnvoll, dass die Wettbewerbsbehörden die Branche genau im Blick behalten. Bereits im Zuge der Preissteigerungen im Gefolge des Ukrainekrieges wurde eine Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts eingeleitet. Bei Verstößen bietet das Wettbewerbsrecht auch ausreichend Sanktionsmöglichkeiten. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Verdacht geäußert, die Tankstellen sprächen die Preise ab. Ein Nachweis von Preisabsprachen konnte bislang jedoch nicht erbracht werden.
Kritisch wurde vor allem der Tatbestand aufgenommen, dass die jüngsten Preissteigerungen in Deutschland im europäischen Vergleich besonders stark ausfielen. Neben Marktbesonderheiten (starke vertikale Integration der Konzerne) dürfte hierzu aber auch das Verbraucherverhalten beigetragen haben: Die Nachfrager gelten hierzulande wegen der überdurchschnittlichen Kaufkraft als nicht besonders preissensibel. Mit anderen Worten, die Preiselastizität der Nachfrage ist eher gering. Unter dieser Bedingung fällt es den Mineralölkonzernen natürlich leichter, Preissteigerungen an die Kundschaft weiterzugeben als bei einer höheren Preiselastizität. Vergleichbare Preisanstiege gab es beispielsweise auch in den Niederlanden, Dänemark und Finnland.
Weder wettbewerbspolitische Maßnahmen noch irgendwie geartete Übergewinnsteuern versprechen den Autofahrern kurzfristige Entlastungen. Deshalb wird vermehrt die Forderung nach einer Senkung der Steuerbelastung auf Benzin gestellt, analog zum so genannten Tankrabatt des Jahres 2022. Damals wurde die Mineralölsteuer für drei Monate um 30 Cent pro Liter reduziert. Von der Steuersenkung kamen damals nach Berechnungen des Ifo-Instituts (siehe Blog vom 01.07.2022) gut 80 Prozent bei den Verbrauchern an. Die Maßnahme verringerte die Steuereinnahmen des Staates um rund 3 Milliarden Euro. Wie die Anfang 2026 durchgeführte Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie gezeigt hat, ist es aber noch lange nicht sicher, dass es überhaupt zu spürbaren Preissenkungen an der Tankstelle kommt. Und wie soll die Steuersenkung finanziert werden? Am besten über Schulden, sodass unsere Kinder die Rechnung an der Tankstelle bezahlen. Oder noch besser: über Erhöhungen bei anderen Steuern, sodass endlich mal die Nicht-Autofahrer unsere Spritrechnung tragen. Hinzu kommt, dass von einer Steuersenkung diejenigen mit den verbrauchsstärksten Autos am meisten profitieren, also vermutlich nicht gerade die einkommensschwächsten Fahrzeugbesitzer.
Die Politik kann die Autofahrer nicht vor den Folgen einer Ölknappheit schützen. Preiserhöhungen sind die zwangsläufige Folge. Etwas anderes zu behaupten, ist reiner Populismus. Das gilt auch für die Idee eines Preisdeckels. Dieser birgt die Gefahr, wie jeder Erstsemesterstudent der Mikroökonomie weiß, dass es anschließend zu einem Mangel kommt. Sollte der Krieg länger dauern und das Öl am Weltmarkt richtig knapp werden, würden die Tanker eben dorthin fahren, wo die höchsten Preise zu erzielen sind. Ein Ölpreisdeckel wäre vor diesem Hintergrund eine sichere Methode, hierzulande Versorgungsengpässe heraufzubeschwören. Im nächsten Schritt müsste man dann staatlicherseits Bezugsscheine verteilen…die DDR lässt grüßen.
Man kann den Fall der Ölpreisexplosion drehen und wenden wie man will: Die einzig erfolgversprechende Reaktion auf einen solchen externen Schock ist eine Anpassung der Nachfrage an die gestiegenen Preise, sprich den Verbrauch von Benzin einzuschränken. Ergänzend könnte einkommensschwachen Gruppen gezielt mit direkten Beihilfen geholfen werden.
Quelle Titelbild: FAZ Online, 07. April 2026