Als der amerikanische Präsident Donald Trump Anfang April in einem spektakulären Auftritt vor der Presse höhere US-Zölle für fast alle Länder androhte, war die Empörung groß. So sollten Waren aus der EU, sofern es zu keinem Deal käme, ab August mit einem Basiszoll von 30 Prozent belegt werden. Im Sinne des alttestamentarischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wurden für diesen Fall Forderungen nach europäischen Gegenzöllen auf US-Ausfuhren laut. Das Kalkül dahinter: Wenn die EU-Kommission nur hart genug verhandelte und ebenfalls massive protektionistische Maßnahmen glaubhaft androhte, könnte das Unheil für die europäische Industrie noch verhindert werden, weil die Kosten eines Handelskriegs auch für die USA zu hoch wären.
Diejenigen, die so argumentierten, ob Ökonomen oder Politiker, hatten bewusst oder unbewusst die strategische Entscheidungssituation eines Gefangendilemmas im Hinterkopf. Verkürzt formuliert hieße das: Die beiden Akteure USA und EU haben mit Freihandel und Protektionismus (= Zollerhebungen) zwei grundsätzliche Handlungsoptionen zur Auswahl. Unter den meisten Ökonomen ist die These unstrittig, dass von Freihandel dauerhaft alle Akteure profitieren (siehe auch Blog vom 25. Mai 2025). Zumindest kurzfristig kann sich jedoch einer der beiden Vorteile verschaffen, indem er Waren aus dem Ausland den Marktzugang am heimischen Markt erschwert, gleichzeitig aber seine eigenen Waren im Ausland weiterhin zollfrei absetzen kann. Allerdings dürfte eine solche Strategiekombination (eigener Protektionismus/Freihandel des anderen) nicht stabil sein. Der andere Akteur, in unserem Fall die EU, würde es den USA mit gleicher Münze heimzahlen und unter den gegebenen Bedingungen ebenfalls Zölle erheben. Dann befände man sich in beiliegender Matrix im Feld links oben (Protektionismus/Protektionismus) – und damit in der unter wohlfahrtsökonomischen Gesichtspunkten ungünstigsten Situation. Da im Gegensatz zum ursprünglichen Gefangenendilemma in unserem Fall die Akteure miteinander verhandeln können, sollte die Androhung von Gegenzöllen der EU die Trump-Administration zum Einlenken zwingen. So ist auch der von europäischer Seite wiederholt vorgebrachte Vorschlag einer Freihandelszone zwischen den USA und der EU zu interpretieren.
Doch die Europäer haben wieder einmal die Rechnung ohne den Wirt, sprich ohne Donald Trump, gemacht. Der am New Yorker Immobilienmarkt gestählte Dealmaker hat geschickt die Rangordnung der Europäer durcheinandergebracht. Und damit wären wir beim Chicken Game (siehe auch Blog vom 25. März 2025). Dieses Spiel beschreibt Entscheidungssituationen, in denen beidseitig nicht-kooperatives Verhalten (hier: beidseitiger Protektionismus) zum schlechtesten aller möglichen Ergebnisse führt. Um dieses zu vermeiden, sollte sich zumindest einer der beiden kooperativ zeigen (hier: am Freihandel festhalten), während sich der andere nicht-kooperativ verhalten kann (hier: Erhebung von Zöllen). Es gibt also theoretisch zwei mögliche Ergebnisse (= Nash-Gleichgewichte) mit jeweils einem Sieger und einem Verlierer, die in der Matrix rechts oben und links unten dargestellt sind. In unserem Fall hat der US-Präsident das für ihn günstige Feld rechts oben durchgesetzt: Während Importe aus der EU in die USA mit einem Basiszoll von 15 Prozent belegt werden, können US-Waren praktisch zollfrei in die EU eingeführt werden.
Wie ist es aber den USA gelungen, die EU von der Logik des Gefangenendilemmas abzubringen und auf US-Zölle mit Gegenzöllen zu reagieren? Oder anders formuliert: Warum gehen die Amerikaner im Zollspiel als Sieger vom Platz?
Das ist nur damit zu erklären, dass die US-Seite einen entscheidenden Trumpf in der Hinterhand hält, der gar nichts mit der Zollpolitik zu tun hat. Ökonomisch sind die Unterschiede zwischen den USA und der EU nicht allzu groß, sodass die EU durchaus eine glaubhafte Abschreckungsstrategie im Zollkonflikt hätte fahren können. Wo die Europäer aber nach wie vor fast vollständig von den USA abhängig sind, ist die Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die USA mussten gar nicht explizit mit einem NATO-Austritt oder dem militärischen Rückzug aus Europa drohen. Dies stand bei den Zollverhandlungen wie der berühmte weiße Elefant unausgesprochen im Raum (und gilt im Prinzip analog für die Zollgespräche der USA mit Japan und Südkorea). Die Europäer konnten gar nicht eine Konfrontationsstrategie anwenden, wenn sie angesichts des Ukrainekrieges nicht ihre Sicherheit aufs Spiel setzen wollten, und mussten daher klein beigeben. Oder in der Sprache des Chicken Game: Die Europäer sind ausgewichen, um das katastrophale Ergebnis eines vollständigen Bruchs mit den USA zu vermeiden nach dem Motto: Lieber ein Angsthase als tot….