Eine Orientierungshilfe für die Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten
Teil 3: Zur Nutzung von Interviews als Datenerhebungsmethode
Wissenschaftliche Arbeiten sind fester Bestandteil eines dualen Studiums an der DHBW Heilbronn. Viele Studierende setzen dabei auf Interviews als Datenerhebungsmethode, um Antworten auf die in ihren Projekt- und Bachelorarbeiten formulierten Forschungsfragen zu finden. Dieser Artikel soll zentrale Fragen beantworten, die bei der Nutzung von Interviews auftreten.
An dieser Stelle sei auf bereits veröffentlichte Blog-Artikel verwiesen: Teil 1 dieser Serie widmet sich der Einführung in die qualitative Forschung (Link). Teil 2 behandelt wichtige Fragen zum Research Design, also wie man qualitative Forschungsarbeiten konzipiert (Link).
Warum eignen sich Interviews als Methode der Datenerhebung?
Interviews, insbesondere Experteninterviews, ermöglichen den Zugang zu Expertenwissen und Praxistheorien [1]. Dieses Wissen ist vor allem dann von Interesse, wenn zu einem Themenfeld noch vergleichsweise wenig Vorwissen existiert, also wenige Studien vorliegen und/oder kaum Theorien verfügbar sind. Über qualitative Forschungsarbeiten lassen sich neue Theorien und Modelle entwickeln, aber beispielweise auch die Gültigkeitsgrenzen bestehender Theorien und Modelle überprüfen.
In wissenschaftlichen Arbeiten sollten es Studierende daher nicht versäumen, im Rahmen des Forschungsdesigns auf eine gute Passung von Forschungsfrage(n) und Datenerhebungsmethode zu achten. Nicht jede Fragestellung lässt sich gut durch qualitative Forschungsmethoden wie der Führung von Interviews beantworten. So wären Interviews beispielweise ungeeignet, um die Frage zu untersuchen, wie stark erste Angebote die Ergebnisse in Preisverhandlungen beeinflussen. [2]
Darüber hinaus empfiehlt es sich, die Entscheidung für eine bestimmte Methode in der wissenschaftlichen Arbeit explizit zu begründen, um Gutachter und Leser an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen und dem Eindruck einer willkürlichen oder bequemen Wahl der Forschungsmethode entgegenzuwirken. In der mündlichen Verteidigung wissenschaftlicher Arbeiten sind Fragen zu den methodischen Überlegungen des Verfassers an der Tagesordnung.
Wer führt das Interview?
In studentischen Arbeiten werden Interviews in der Regel von den Studierenden selbst durchgeführt. Grundsätzlich besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass ein Interview von mehreren Forschenden gemeinsam geführt oder dass die Durchführung mehrerer Interviews auf verschiedene Forschende aufgeteilt wird.
Wer wird befragt?
Diese Frage bezieht sich auf die Stichprobenziehung (Sample). Hierbei ist zu beachten, dass qualitative Forschungsarbeiten in aller Regel nicht den Anspruch der Repräsentativität erfüllen. Vielmehr geht es darum, theoretische Sättigung zu erreichen, d.h. einen Zustand, in dem weitere Interviews zu keinen neuen Erkenntnissen mehr führen. [3]
In qualitativen Studien erfolgt die Stichprobenziehung bewusst, z.B. indem man nach ähnlichen Fällen oder Kontexten sucht oder nach möglichst unterschiedlichen Fällen, die in zentralen Merkmalen voneinander abweichen. [4] So könnte man zum Beispiel in einer qualitativen Forschungsarbeit, die sich mit effektiven Taktiken in Einkaufsverhandlungen beschäftigt, nur Einkäufer aus dem Handel befragen oder aber Einkäufer aus ganz verschiedenen Branchen oder aber auch Verkäufer, die regelmäßig mit Einkäufern verhandeln. Darüber hinaus könnte man nur erfahrene Manager aus dem Einkauf befragen oder aber Personen, die über einen unterschiedlichen Erfahrungsschatz verfügen, also auch eher unerfahrene oder mittelmäßig erfahrene Manager.
Wie viele Personen müssen befragt werden?
Auf diese Frage, die Studierende sehr häufig stellen, gibt es keine zufriedenstellende Antwort. Entscheidend ist das Kriterium der theoretischen Sättigung. [3] Studien zeigen, dass dieses Kriterium durchschnittlich bei zwölf geführten Interviews erfüllt ist. [5] Dies ist jedoch keine verlässliche Mindestgröße, die für alle Studien angemessen erscheint. Wichtiger ist dabei, dass im Rahmen der Datenauswertung, durch zusätzlich geführte Interviews keine neuen Kategorien mehr entstehen. [6]
Wie wird gefragt?
Eine der wichtigsten Fragen hierbei bezieht sich auf den Grad der Standardisierung der Befragung. Standardisierte Interviews legen den Wortlaut und die Reihenfolge der Fragen vorab fest. [7] Das ermöglicht Interviewern nicht, vom Leitfaden abzuweichen, wenn sich z.B. interessante Anschlussfragen ergeben. Wenn auch die Antwortmöglichkeiten fest vorgegeben werden, handelt es sich nicht um ein qualitatives Verfahren, sondern um eine quantitative Befragung (Survey).
In der qualitativen Forschung werden üblicherweise halb-standardisierte Verfahren eingesetzt. Bei diesen ist der Wortlaut der Fragen nicht verbindlich vorgegeben, die Reihenfolge der Fragen kann durch den Interviewer variiert werden und auch Ad-hoc-Fragen sind möglich. Damit nimmt der Grad der Steuerung ab, das Interview wird offen und flexibel gestaltet. [7] Im Fokus liegt der Erkenntnisgewinn durch das Interview und was dafür als zweckmäßig erachtet wird.
Da in qualitativen Arbeiten häufig ein induktiver Ansatz verfolgt wird, bei dem theoretisches Wissen entstehen soll statt einer Überprüfung bestehender Theorien und Modelle (deduktiver Ansatz), sollten Studierende darauf achten, die Fragen und die Reihenfolge der Fragen so zu gestalten, dass Erkenntnisse in ungestützter Form gewonnen werden. So ist z.B. auf Suggestivfragen zu verzichten, deren Beantwortung darauf ausgerichtet ist, das Vorwissen des Forschenden nur zu bestätigen. [8], [9] In einer Verhandlungsstudie wäre beispielsweise die Frage „Welche Druckmittel haben Sie in Ihrer Verhandlung eingesetzt?“ durch „Wie sind Sie in der Verhandlung vorgegangen, was haben Sie konkret gemacht?“ zu ersetzen. Mit der ersten Frage liefe man Gefahr, den Gesprächspartner zu einer sozial erwünschten Antwort zu „drängen“ und Druckmittel zu nennen, auch wenn dieser gar in der Verhandlung gar keine eingesetzt hat.
Die Datenerhebung im Rahmen von Interviews erfordert die Aufzeichnung und Transkription. Transkription beschreibt die Verschriftlichung des Gesagten. Dieser Schritt ist unabdingbar, um die erhobenen Daten einer Auswertung zugänglich zu machen. [7] Hierbei empfiehlt sich ein Blick in die einschlägige Literatur, z.B. in Veröffentlichungen von Dresing und Pehl. Zudem erleichtern KI-Tools mittlerweile den Transkriptionsvorgang, wenngleich eine menschliche Korrekturschleife weiterhin kaum vermeidbar ist.
Was wird erfragt?
Auch für halb-standardisierte Befragungen ist ein Leitfaden eine wichtige Hilfe, um die Interviewführung zu unterstützen, die Vergleichbarkeit der Interviews sicherzustellen und Anhaltspunkte für weitere Fragen zu liefern. [7]
Hier existiert kein One-Size-Fits-All-Ansatz. Bei der Entwicklung des Leitfadens sollte auf eine stimmige Reihenfolge geachtet werden. So könnte man zu Beginn des Interviews darauf achten, das Gespräch in geeigneter Weise zu eröffnen. Hier empfiehlt es sich auch, das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit vorzustellen und den Ablauf des Interviews zu skizzieren. Zudem ist die Zusicherung der Anonymität wichtig sowie das Einholen der Zustimmung zu Aufzeichnung & Transkription, sollte man dies nicht bereits vor dem Interview erledigt haben.
Im Hauptteil geht es dann um die Fragen, die zur Beantwortung der formulierten Forschungsfrage(n) gestellt werden sollen. In einem abschließenden Block könnten die demographischen Daten der befragten Personen gesammelt werden, soweit diese für die Forschungsarbeit relevant sind. Hier lassen sich auch Fragen des Interviewten beantworten. Am Ende des Interviews darf ein ausdrücklicher Dank an den Interviewpartner nicht fehlen. Ein Beispiel eines Leitfadens findet sich in einer aktuellen qualitativen Studie, in der ein Verhandlungstraining auf Basis von Interviews entwickelt wurde. [10]
Veränderungen am Leitfaden sind in der qualitativen Forschungsarbeit nicht nur erlaubt, sondern sogar erforderlich, wenn die in ersten Interviews gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse dies nahelegen. [4] Beispielsweise könnten einzelne Fragen von den Interviewpartnern missverstanden werden und eine Umformulierung erfordern oder keinen Beitrag zum Erkenntnisgewinn liefern, so dass eine Streichung angezeigt ist.
Wann werden die Interviews geführt?
Bei qualitativen Forschungsarbeiten sollte beachtet werden, dass Datenerhebung und Datenanalyse keine getrennten Phasen im Forschungsprozess sind. Der Forschungsprozess ist also nicht linear, d.h. die Phasen werden nicht nacheinander durchlaufen, sondern erfolgen parallel (zirkulärer Prozess). [11] Wenn die Auswertung der Daten die theoretische Sättigung anzeigt, ist dies ein Signal dafür, die Datenerhebung abzuschließen und die Rekrutierung weiterer Interviewpartner zu stoppen. [3], [4]
Eine Empfehlung zum Abschluss
Gute qualitative Forschungsarbeit erfordert Erfahrung, über die Studierende naturgemäß nicht verfügen, wenn sie zum ersten Mal eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. Daher kann es sinnvoll sein, Studien ausfindig zu machen, die eine vergleichbare Zielsetzung verfolgen oder eine ähnliche Methodik verwenden. Anne Sigismund Huff empfiehlt die Orientierung an sogenannten „Exemplars“, also bereits veröffentlichte Studien, die als Vorbilder für die eigene Arbeit dienen. [12] Solche Studien sind auch eine hervorragende Orientierungshilfe bei der Schreibarbeit, z.B. für das Verfassen des Methodenkapitels, in dem Forschende darlegen, wie sie bei der Datenerhebung und -auswertung vorgegangen sind. Ein Beispiel dafür, wie man methodische Transparenz in einer qualitativen Studie herstellen kann, liefert eine aktuelle Studie zu Referenzpunkten in Verhandlungen. [9]
Quellen:
[1] Zeithaml, V.A., Jaworski, B.J., Kohli, A.K., Tuli, K.R., Ulaga, W. and Zaltman, G. (2020), A theories-in-use approach to building marketing theory, Journal of Marketing, Vol. 84 No. 1, pp. 32-51.
[2] Galinsky, A. D., & Mussweiler, T. (2001). First offers as anchors: the role of perspective-taking and negotiator focus. Journal of personality and social psychology, 81(4), 657.
[3] Glaser, B.G. and Strauss, A.L. (1967), Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research, Aldine Transaction, New Brunswick, NJ.
[4] Schreier, M. (2023): Qualitative Forschungsansätze. In Schreier et al. (Hrsg.): Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften für Bachelor (3. Auflage). Springer. S. 205-246.
[5] Guest, G., Bunce, A., & Johnson, L. (2006). How many interviews are enough? An experiment with data saturation and variability. Field Methods, 18(1), 59–82.
[6] Reif, J. A., & Brodbeck, F. C. (2022). “Should I Negotiate?” A Model of Negotiation Initiation Considering Psychological Person-Environment Transactions. Negotiation & Conflict Management Research, 15(2).
[7] Schreier, M. (2023): Qualitative Ergebungsmethoden. In Schreier et al. (Hrsg.): Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften für Bachelor (3. Auflage). Springer. S. 247-280.
[8] Solarino, A.M. and Aguinis, H. (2021), Challenges and best-practice recommendations for designing and conducting interviews with elite informants, Journal of Management Studies, Vol. 58 No. 3, pp. 649-672.
[9] Mann, M., Warsitzka, M., Trötschel, R. & Hüffmeier, J. (2025), How, when and why do negotiators use reference points? A qualitative interview study with negotiation practitioners. International Journal of Conflict Management, 36 (3): 481–513.
[10] Mann, M., Warsitzka, M., Hüffmeier, J. & Trötschel, R. (2024): United we stand: a principle-based negotiation training for collective bargaining. In: International Journal of Conflict Management, 35(2), S. 427-452.
[11] Mann, M. (2025). Methodological Bricolage in Qualitative Research: Applications in Interview Studies. MCAST Journal of Applied Research & Practice, 9(1), 87-104.
[12] Huff, A.S. (1999). Writing for Scholarly Publication. Sage Publ.