Handels

It´s the bond market, stupid!

von Prof. Dr. Oliver Letzgus
16.11.2022

Wenn es um das Thema Kapitalmärkte geht, denken die meisten zuerst an den Aktienmarkt. Wie DAX oder DOW JONES sich entwickelt haben, ist vielen noch geläufig. Unternehmensmeldungen schaffen es mitunter bis in die Tagesschau, wie zuletzt beispielsweise die Turbulenzen um die Übernahme von Twitter durch Elon Musk.

Was viele aber nicht wissen ist, dass die Märkte für festverzinsliche Wertpapiere – die Renten-, Anleihe- oder Bondmärkte, wie sie im Finanzmarktjargon genannt werden – ein weitaus größeres Volumen aufweisen als die Aktienmärkte. Ein Beispiel: Im Juli 2022 betrug der Wert der im Umlauf befindlichen Aktien in Deutschland 1,8 Billionen Euro. Der Wert der umlaufenden festverzinslichen Wertpapiere lag zu diesem Zeitpunkt hierzulande bei 3,6 Billionen Euro und damit doppelt so hoch.

Das wichtigste Segment des Rentenmarkts ist der Staatsanleihemarkt. Und etwas Langweiligeres als Staatsanleihen gibt es in den Augen vieler Anleger nicht. Man gibt dem Staat beispielsweise für zehn Jahre einen bestimmten Geldbetrag, erhält dafür eine laufende Verzinsung und am Laufzeitende sein Geld zurück.

Die Höhe der Verzinsung hat sich jedoch im Jahresverlauf 2022 nicht zuletzt vor dem Hintergrund wachsender Inflationssorgen und Leitzinserhöhungen der Notenbanken deutlich verändert. Konnte der deutsche Staat zu Jahresbeginn noch zehnjährige Bundesanleihen mit einer Rendite von – 0,2 (!) Prozent begeben, so musste er Mitte November den Anlegern bereits 2,3 Prozent bieten, um seine Schuldscheine erfolgreich am Markt zu platzieren. In den USA fiel in diesem Zeitraum der Renditeanstieg von 1,5 auf 4,2 Prozent noch drastischer aus.

Weshalb aber ist die Renditeentwicklung am Staatsanleihemarkt gesamtwirtschaftlich und für andere Anlagesegmente so bedeutsam:

  1. Da der Staat als der sicherste Schuldner in einer Volkswirtschaft gilt, zahlt er auch die niedrigsten Zinsen. Alle anderen Kreditnehmer, ob Haushalte oder Unternehmen, müssen einen Zinsaufschlag bezahlen. Mit dem Anstieg der Staatsanleiherenditen sind deshalb auch alle anderen Zinssätze nach oben geklettert. In Deutschland gut abzulesen an den gestiegenen Zinsen für Immobilienkredite, die sich schon jetzt deutlich auf die Bautätigkeit auswirken.
  2. Es gilt natürlich auch der altbekannte Zusammenhang, dass höhere Renditen für festverzinsliche Anlagen deren relative Attraktivität gegenüber riskanteren Anlagen wie Aktien oder Krytowährungen erhöht. Deshalb überrascht es auch nicht, dass beide Anlageklassen in den letzten Monaten Federn lassen mussten. Im Übrigen gilt das auch für Gold. Obwohl der starke Inflationsanstieg eigentlich für Goldinvestments spricht, büßte Gold an Wert ein, da Anleger von der zinslosen Anlage Gold zu verzinsten Alternativen wie Staatsanleihen wechselten.
  3. Bei steigenden Renditen werden in der Zukunft erwartete Unternehmensgewinne stärker abgezinst. Ihr Gegenwartswert sinkt. Ein Rückgang der Aktienkurse ist die Folge. Betroffen davon sind vor allem diejenigen Titel, von denen zukünftig ein besonders hohes Umsatz- und Gewinnwachstum („Growth-Aktien“) erwartet wird, zu finden vor allem im amerikanischen Tech-Sektor (Google, Apple und Co.). Daher überrascht es auch nicht, dass speziell US-Technologieaktien unter dem nicht zuletzt vom Zinsanstieg ausgelösten Kursabschwung an den Aktienmärkten am stärksten zu leiden hatten.
  4. Zinsentwicklungen gelten als starker Treiber von Wechselkursen. Dies lässt sich eindrucksvoll an der Euro-Dollar-Entwicklung in diesem Jahr ablesen. Mit den kräftigen Leitzinserhöhungen der US-Notenbank und dem damit ausgelösten Anstieg der Renditen am US-Rentenmarkt gewann der US-Dollar gegenüber dem Euro stark an Wert. Lag das Austauschverhältnis zu Jahresbeginn noch bei 1,13 USD/EUR, fiel dieses im Jahresverlauf sogar unter die Parität.
  5. Was insbesondere für den Euroraum von Bedeutung ist, ist die Entwicklung der Renditeunterschiede („Spreads“) zwischen Staatsanleihen der beteiligten Mitgliedsländer. Hier lohnt sich ein Blick auf die Staatsanleiherenditen von Deutschland und Italien. Lag der Renditeaufschlag italienischer gegenüber deutschen Staatsanleihen zu Jahresbeginn bei gut einem Prozentpunkt, so weitete sich dieser im Jahresverlauf auf rund zwei Prozentpunkte aus. Dieser Renditeaufschlag gilt als Zitterprämie für das höhere Bonitätsrisiko italienischer Staatspapiere. Aufgrund seiner hohen Staatsverschuldung ist der italienische Staat von steigenden Zinsen weitaus mehr betroffen als der deutsche Staat. Die Rückzahlungsrisiken nehmen damit zu. Die Anleger verlangen dafür eine Risikoprämie. Ein starker Anstieg der Renditeunterschiede, also weit über das bisher gesehene hinaus, gilt gemeinhin als Vorbote einer neuerlichen Eurokrise.

Fazit: So langweilig die Staatsanleihemärkte auch scheinen mögen. Ihre Bedeutung für die anderen Anlageklassen sowie für die Gesamtwirtschaft darf schon qua ihrer schieren Größe nicht unterschätzt werden. Sie sind der wahre Taktgeber. Wer also wissen will, wohin die makroökonomische Reise in den nächsten Monaten und Jahren geht, muss diesen Markt im Blick haben. Die entscheidenden Treiber für die Staatsanleiherenditen bleiben dabei die Geldpolitik der Notenbanken, die Konjunktur- und Inflationsentwicklung sowie nicht zuletzt das geopolitische Umfeld.

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