Die jüngsten Zusammenschlüsse, Aufkäufe und Kooperationen in der Molkereiwirtschaft wie von Nordmilch eG und Arla Foods[1] oder Molkerei Müller und Lünebest[2] werfen eine spannende Frage auf: Warum genehmigt das Bundeskartellamt Fusionen in einer Branche, die ohnehin schon stark konzentriert ist?
Die Antwort liegt nicht nur in den Marktanteilen der Molkereien, sondern auch in den Machtverhältnissen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Der Ökonom John Kenneth Galbraith beschrieb bereits 1952 in seiner Theorie der Countervailing Power (Gegenmacht), dass sich wirtschaftliche Macht häufig durch die Bildung von Gegenmacht ausgleicht.[3] Wenn auf einer Marktstufe wenige große Akteure dominieren, entsteht auf der anderen Seite ein Anreiz zur Bündelung. [4]
Genau das beobachten wir heute in der Milchwirtschaft:
🥛 Auf der Absatzseite stehen nur 4! hochkonzentrierte Handelsunternehmen wie EDEKA (mit Netto), REWE (mit Penny), Lidl mit Kaufland und Aldi. Mitte der 90er Jahre lag deren Marktanteil im LEH bei 55 Prozent, heute je nach Quelle ca. 85 Prozent.[5]
🥛 Auf der Beschaffungsseite stehen 47.000 landwirtschaftliche Betriebe[6], die ihre Verhandlungsposition häufig nur über größere Molkereien stärken können, meist sind sie auch Miteigentümer.
Das Bundeskartellamt prüft Fusionen deshalb nicht isoliert, sondern bewertet, ob durch einen Zusammenschluss Wettbewerb verloren geht oder ob dadurch eine notwendige Gegenmacht gegenüber dem hoch konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel entsteht.
Aus Sicht der Gegenmacht-Theorie sind viele Fusionen in der Milchbranche daher nicht zwingend ein Zeichen für weniger Wettbewerb, sondern können auch als Versuch verstanden werden, ein Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel herzustellen. Sonst darf man weiterhin zu Grenzkosten verkaufen. Gerade gibt es 35 Cent Milchgeld bei 52,50 (Norddeutschland 45,50) Cent Erzeugungskosten in Vollkostenrechnung.[7][8]
Die spannende Frage lautet deshalb nicht:
Werden die Molkereien zu groß? Warum mit Milram und Arla aus einer Hand?
Sondern vielmehr:
✅ Wie viel Größe braucht die Milchwirtschaft, um auf Augenhöhe mit dem Handel verhandeln zu können ohne dass darunter Wettbewerb, Innovation und Verbraucherpreise leiden?
Die Milchbranche liefert damit eines der anschaulichsten Praxisbeispiele für Galbraiths Gegenmacht-Theorie im modernen Handel.
Weitere Branchen werden folgen.
[1] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/industrie/nachrichten/eu-gibt-gruenes-licht-arla-und-dmk-duerfen-fusionieren-191232
[2] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/industrie/nachrichten/molkerei-mueller-schliesst-uebernahme-von-elinas-und-luenebest-ab-189695
[3] Vgl. Galbraith, J. K. (1952). American capitalism: The concept of countervailing power. Houghton Mifflin
[4] Vgl. https://www.abl-ev.de/aktuelles/details/lebensmittelmarkt-macht-konzentrationen-und-vertikale-integration?utm_source=chatgpt.comhttps://www.abl-ev.de/aktuelles/details/lebensmittelmarkt-macht-konzentrationen-und-vertikale-integration?utm_source=chatgpt.com
[5] Vgl. https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Interviews/DE/2016/Fuldarer_Zeitung__Die_Big_Four_haben_85_Prozent_Marktanteil.html?utm_source=chatgpt.com
[6] Vgl. https://www.landwirtschaft.de/einkauf/lebensmittel/tierische-lebensmittel/milch?utm_source=chatgpt.com
[7] Vgl. https://www.landwirtschaft.de/wirtschaft/agrarmaerkte/markt-und-versorgung/milchpreis-welchen-anteil-erhalten-landwirtinnen-und-landwirte?utm_source=chatgpt.com
[8]Vgl. https://www.milch-board.de/presse/m/mmi-2-2026-die-wirtschaftlichkeit-der-betriebe-bricht-erneut-ein