Handels

Preisentwicklung im Gleichschritt: Welche Warengruppen sich bei Food gemeinsam bewegen – und warum das wichtig ist

von Prof. Dr. Carsten Kortum
11.08.2025

Die monatlichen Preisveränderungen bei Nahrungsmitteln und Getränken folgen selten einem Zufallsmuster. Unsere Auswertung der amtlichen Preisstatistik des statistischen Bundesamtes über mehrere Jahre von Januar 2020 bis Juli 2025 zeigt: Viele Warengruppen bewegen sich hochgradig synchron – mit Korrelationen von über 0,85 und Spitzenwerten nahe 1,0. Das bedeutet: Steigen oder fallen die Preise in einer Warengruppe, passiert bei einer anderen oft genau das Gleiche – und zwar fast im gleichen Ausmaß.

Was wir untersucht haben

Die Grundlage bildeten die monatlichen prozentualen Preisveränderungen gegenüber dem Vorjahresmonat für rund 100 detaillierte Warengruppen nach COICOP-Systematik. Durch Berechnung der Korrelationskoeffizienten für jede mögliche Kombination konnten wir feststellen, welche Paare im Zeitverlauf ähnlich reagieren.

Von insgesamt mehreren tausend Paarungen wiesen 1.866 Kombinationen eine Korrelation von über 0,80 auf. Das ist ein erstaunlich hoher Anteil – und ein klarer Hinweis darauf, dass viele Preise von ähnlichen Faktoren getrieben werden.

Die Top-Korrelationen

Einige Warengruppen weisen fast identische Preisbewegungen auf:

  • Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke ↔ Nahrungsmittel: Korrelation 0,999 – fast perfekte Deckungsgleichheit, was logisch ist, da die erste Kategorie die zweite einschließt.
  • Fischwaren ↔ Fischkonserven: 0,994 – gleicher Rohstoff, andere Verarbeitung.
  • Kaffee, Tee und Kakao ↔ Kaffee und Ähnliches: 0,994 – geteilte Rohstoffabhängigkeit.
  • Brot/Getreide ↔ Fischwaren: 0,994 – hier überrascht der Zusammenhang; vermutlich spielen Energie- und Transportkosten als gemeinsame Preistreiber eine Rolle.
  • Molkereiprodukte ↔ Käse/Quark: 0,992 – typisch für Warengruppen, die auf denselben Vorleistungen basieren.
  • Vollmilch ↔ Teilentrahmte Milch: 0,992 – gleiche Wertschöpfungskette, nur andere Fettstufen.

Cluster statt Einzelpaare

Besonders spannend wird es, wenn man die Daten als Netzwerk darstellt. Dabei wird jede Warengruppe als Knoten und jede starke Korrelation (> 0,85) als Verbindungslinie (Kante) dargestellt. Mithilfe einer Clusteranalyse lassen sich Gruppen identifizieren, deren Preisentwicklung über Jahre hinweg eng verknüpft ist.

Unsere Analyse zeigt mehrere farbige Cluster:

  1. Molkereiprodukte & Milch
    Butter, Käse, Quark, Voll- und Teilmilch sowie andere Milchprodukte bewegen sich nahezu synchron. Preistreiber sind vor allem Rohmilchpreise, Energie für Kühlung und Transport sowie saisonale Schwankungen in der Milchproduktion. Die Butter wurde entgegen der Einkaufspreisentwicklung reduziert im Handel, um seiner Rolle als Ankerpreis gerecht zu werden. Von daher läuft die Butter etwas abseits in der Entwicklung.
  2. Fisch & Meeresfrüchte
    Frischfisch, Tiefkühlfisch, Fischkonserven – alle hängen stark an Rohware-Preisen, Treibstoffkosten der Fischerei und Importpreisen (incl. USD).
  3. Getränke-Cluster
    Mineralwasser, Softdrinks, Säfte und teilweise alkoholische Getränke bilden einen engen Block, beeinflusst durch Verpackungspreise (v. a. PET, Glas) und Energiekosten.
  4. Backwaren & Getreideprodukte
    Brot, Brötchen, Nudeln, Mehl und Getreideerzeugnisse zeigen starke Koppelung – vor allem durch Getreidepreis-Entwicklung und Energieeinsatz beim Backen und Mahlen.
  5. Würz- und Grundzutaten
    Soßen, Würzmittel, Speiseöle und Fette, teilweise Konserven – stark abhängig von globalen Agrarrohstoffpreisen.
  6. Gemüse und auch Obst laufen in ihren Preisentwicklungen völlig isoliert. Es gibt keine Beziehungen zu den übrigen Food-Warengruppen. Interessant ist hier die Trennung in Obst und Gemüse.
  7. Auch bei Kaffee sind die Preisveränderungen losgelöst von den übrigen Warengruppen. Die Ernteausfälle in den wichtigsten Lieferländern führte zu hohen Preissteigerungen gerade in 2025, wobei sich insgesamt die Inflation bei Food sehr deutlich reduziert hat.

Warum diese Korrelationen relevant sind

Für Handel, Hersteller und Politik ist das Wissen um solche Korrelationen wertvoll:

  • Frühwarnsystem für Preisbewegungen
    Wer weiß, dass z. B. steigende Energiepreise nicht nur Fisch, sondern auch Brot verteuern können, kann strategisch planen.
  • Preisverhandlungen im Handel
    Kennt der Einkäufer diese Cluster, kann er argumentieren, warum eine geforderte Preiserhöhung in einer Warengruppe möglicherweise schon in einer verwandten Kategorie abgefedert wird.
  • Marketing & Aktionen
    Aktionen für stark korrelierende Warengruppen gleichzeitig zu fahren, kann den Preisimage-Effekt verstärken.
  • Politische Eingriffe
    Preisbremsen oder Subventionen wirken oft indirekt auch auf korrelierende Warengruppen. Eine Entlastung bei Energie wirkt damit weit in die Lebensmittelpreise hinein.

Überraschende Querverbindungen

Einige Korrelationen sind erwartbar (Milchprodukte untereinander), andere jedoch überraschen:

  • Fisch ↔ Brot/Getreide – kein direkter inhaltlicher Zusammenhang, aber beide sind energieintensive Branchen mit starkem Transportbedarf.
  • Kaffee ↔ Kakao/Tee – gemeinsame Logistikwege, ähnliche Importabhängigkeit und Währungseinflüsse.

Solche Querverbindungen können auf gemeinsame Kostentreiber hinweisen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.

Fazit

Die Analyse zeigt: Lebensmittelpreise sind kein Flickenteppich, sondern ein Netzwerk von verbundenen Entwicklungen. Einzelne Preisbewegungen sind oft Teil eines größeren Musters.
Für Handel und Industrie heißt das: Wer diese Muster erkennt, kann besser planen, gezielter verhandeln und Risiken früh absehen.

 

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