Handels

Small Talk in E-Mail-Verhandlungen: Wie das kalte Medium „E-Mail“ zwischenmenschlich attraktiv wird

von Anna Bickenbach & Jannik Schwarz (Studierende der DHBW Heilbronn)
08.12.2025

Zwischen Misstrauen und Kooperation, zwischen Stillstand und Einigung. Verhandlungen per E-Mail gehören längst zum geschäftlichen Alltag. Sie sind effizient, zeitsparend und dokumentierbar, aber sie haben einen entscheidenden Nachteil. Sie sind unpersönlich. Wo in klassischen Gesprächen durch Tonfall, Mimik und Gestik Vertrauen erzeugt wird, bleibt im digitalen Schriftverkehr nur das geschriebene Wort. Studien zeigen, dass genau hier eine kleine kommunikative Technik große Wirkung entfalten kann: Small Talk.

Wenn Worte die Körpersprache ersetzen müssen

E-Mails filtern alle nonverbalen Signale heraus. Kein Lächeln, kein Nicken, kein Tonfall. Dieses Fehlen sozialer Hinweise führt dazu, dass in E-Mail-Verhandlungen Vertrauen bis zu viermal langsamer entsteht als in persönlichen Gesprächen. Gerade in komplexen oder sensiblen Verhandlungssituationen kann das den Ausgang entscheidend beeinflussen. Misstrauen, Missverständnisse oder gar Verhandlungsabbrüche sind deutlich häufiger.

Der Einfluss von Small-Talk

Die Forschung von Nadler (2004) belegt, dass sich dieses Defizit jedoch durch eine kurze Phase des informellen Austauschs ausgleichen lässt. In ihrem Experiment verhandelten Jurastudierende per E-Mail über einen Vertrag. Die Hälfte durfte sich zuvor in einem kurzen Telefongespräch über neutrale Themen („Wie war Ihr Wochenende?“) unterhalten. Diese scheinbar banale Plauderei zeigte erstaunliche Wirkung: Die sogenannten Schmoozers erzielten signifikant bessere ökonomische Ergebnisse, berichteten von höherem Vertrauen und fühlten sich zufriedener mit dem Verlauf als Teilnehmer ohne den Smalltalk.

Genauso hilft ein freundlicher Satz wie „Ich hoffe, Sie hatten ein angenehmes Wochenende“ oder ein kurzer Verweis auf ein gemeinsames Erlebnis soziale Wärme zu schaffen. Damit wirkt Small Talk als Katalysator für Vertrauen. Er reduziert Misstrauen und Missverständnisse, erleichtert Kompromissbereitschaft, verbessert die Stimmung und erhöht die Erfolgsquote. Die empirischen Ergebnisse sind eindeutig: Verhandlungen mit Small Talk verlaufen deutlich erfolgreicher, da die Beteiligten weniger konfrontativ und mehr lösungsorientiert kommunizieren.

Verhandeln mit E-Mails?

Jetzt fragt ihr euch bestimmt: „Meine Vorgesetzten oder ich selber verhandeln doch gar nicht über E-Mails“. Wozu brauche ich dann den Small-Talk? Das haben wir uns auch gefragt. Die eigentliche Kommunikation findet in der Regel telefonisch oder persönlich statt, da Missverständnisse so leichter vermieden werden und der Austausch schneller erfolgt. E-Mails dienen anschließend vor allem dazu, die besprochenen Punkte übersichtlich zusammenzufassen, schriftlich festzuhalten und ein paar letzte Details noch zu klären.

Hier setzt jetzt der Small-Talk an. Um in diesem letzten Schritt das Verhandlungsergebnis nicht zu riskieren, verwendet man die kleinen Floskeln, die auch als soziales Schmiermittel bezeichnet werden.

Mit dieser Form der sozialer „Schmierung“ wird die Reibung zwischen Verhandlungspartnern gemindert. Während Argumente und Fakten die sachliche Ebene strukturieren, sorgt Small Talk für emotionale Balance und hilft kulturelle Unterschiede abzufedern. Gerade in internationalen E-Mail-Verhandlungen, bei welchen Telefonate schwieriger zu vereinbaren sind, kann ein kurzer persönlicher Einstieg in der E-Mail, eine Brücke zwischen formellen Erwartungen und informeller Nähe sein.

Zwischen Nähe und Professionalität

Allerdings ist nicht jede Form von Small Talk zielführend. Ein Balanceakt ist erforderlich. Zu private oder kulturell unpassende Themen (Familie, Religion, Politik) können das Gegenteil bewirken. Erfolgreich ist Small Talk dann, wenn er freundlich, respektvoll und kurz bleibt. Themen wie Wetter, Freizeit, Messen oder bevorstehende Projekte gelten als universell geeignet.

Auch der Tonfall zählt. Ironie oder Sarkasmus sind riskant, weil sie schriftlich leicht missverstanden werden. Entscheidend ist die positive, zugewandte Sprache, die den Gesprächsrahmen öffnet, ohne vom Ziel abzulenken.

Fazit

Small Talk in E-Mail-Verhandlungen ist weit mehr als oberflächliche Höflichkeit, er ist ein Werkzeug, das aus rationaler Kommunikation eine vertrauensvolle Interaktion macht. Wo Gestik und Mimik fehlen, übernehmen freundliche Worte die Rolle der nonverbalen Signale.

Wer also meint, man solle „gleich zur Sache kommen“, übersieht einen zentralen Erfolgsfaktor in der digitalen Kommunikation. Gerade in Zeiten von Remote Work und internationaler Vernetzung kann ein kurzer persönlicher Satz den Unterschied machen. Small Talk ebnet den Weg zum erfolgreichen Vertragsabschluss.

Quellen

  • Morris, M. W. et al. (2002): Schmooze or lose: Social friction and lubrication in e-mail negotiations. In: Group Dynamics: Theory, Research, and Practice, Vol. 6, Nr. 1, S. 89-100
  • Warschauer, M. (2008): Laptops and literacy: A multi-site case study. In: Pedagogies: An International Journal, Vol. 3, Nr. 1, S. 52-67
  • Beyer, Y. et al. (2007): When small talk makes a big difference: Recent Developments in Interactive, SMS-Based Television. In: Television & New Media, Vol. 8, Nr. 3, S. 213-234
  • Jensen, A. (2009): Discourse strategies in professional e-mail negotiation: A case study. In: English for Specific Purposes, Vol. 28, Nr. 1, S. 4-18
  • Nadler, J. (2004): Rapport in Legal negotiation and communication technology: How small talk can facilitate e-mail dealmaking. In: 9 Harv. Negot. L. Rev. 223
  • Holmes, J. (2005): When small talk is a big deal: Sociolinguistic challenges in the workplace. In: Long, M.H. (Hrsg.): Second language needs analysis. Cambridge: Cambridge University Press, S. 344–372.
  • Quelle Titelbild: Tumisu auf pixabay

Die neusten Studien

Band21 Shadow

Band 21

Kriterien der Einkaufsstättenwahl in der DIY-Branche. Eine empirische Untersuchung zum Konsumentenverhalten in der Baumarktbranche.

Maximilian Timm, Carsten Kortum

Oktober 2023

Band20 Shadow

Band 20

Kundenreaktion auf Out-of-Stock von Food- und Nonfood- Aktionsartikeln bei verschiedenen Betriebstypen im Lebensmitteleinzelhandel

Marcel Gimmy, Prof. Dr. Carsten Kortum

Mai 2023

Titel Band 19 Homepage Neu

Band 19

Klimaneutralität im deutschen LEH
Diskussionsbeitrag auf Basis von acht Experteninterviews

Alesia Kehl, Stephan Rüschen

November 2022

Die neusten Whitepaper

Nr. 61
Analyse der Angebotskommunikation im Nonfood-Handel: Empirische Befunde zu Frequenz und Saisonalität der digitalen Handzettelwerbung 2023– 2025
Carsten Kortum, Martin Langhauser
Januar 2026
Nr. 60
KI trifft Konsum: Weihnachtsgeschenke 2025 – Eine Studie zum digitalen Einkaufs- und Preisverhalten
Carsten Kortum
Dezember 2025
Nr. 59
Coupons im Daten-Dilemma – Nutzung, Wahrnehmung und Datenschutz von digitalen Coupons im Handel
Carsten Demming, Carsten Kortum
November 2025

Die neusten Blogbeiträge

Die Qualitative Inhaltsanalyse

von Prof. Dr. Michel Mann

Feuerwerk im Lebensmitteleinzelhandel 2025: Sortiment, Preisrange und was die Prospekte wirklich zeigen

von Prof. Dr. Carsten Kortum

Weihnachten beginnt früher, als viele Händler denken: Empirische Befunde zum Such- und Klickverhalten deutscher Konsument:innen

von Prof. Dr. Carsten Kortum

Smart Store 24/7 – Tankstellenmarkt sucht nach der richtigen Lösung

von Prof. Dr. Stephan Rüschen

Anmerkungen zum Gutachten der Monopolkommission „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“

von Prof. Dr. Oliver Letzgus