Handels

Was die Angebotskurve mit den Strompreisen zu tun hat: Ein kleiner Ausflug in die Funktionsweise des Strommarktes

von Prof. Dr. Oliver Letzgus
12.09.2022

Der Strompreis hat sich in Deutschland im Jahresverlauf mehr als verdoppelt. Er erhöhte sich laut Vergleichsportal Verivox für Endverbraucher von 23 Cent/kWh auf 53 Cent/kWh (Stand: 06.09.2022). Diese Preisexplosion hat auch die Politik aufgeschreckt: Einerseits geht es in den Debatten darum, wie den geplagten Stromkunden geholfen werden kann. Andererseits werden Rufe laut, die hohen Gewinne von Stromerzeugern abzuschöpfen, da sich diese angeblich ungerechtfertigt bereichern.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauerer Blick auf die Funktionsweise des Strommarktes. Seit der Liberalisierung in den 1990er Jahren bildet sich der Preis am Strommarkt prinzipiell genauso wie an anderen Märkten aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage von Haushalten und Unternehmen ist im Zeitablauf unabhängig von der Preishöhe relativ stabil. Ökonomen sprechen von einer preisunelastischen Nachfrage.

Auf der Angebotsseite tummeln sich ganz unterschiedliche Stromerzeuger. Sie reichen von Hauseigentümern mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach bis hin zu Betreibern von Atommeilern oder Gasturbinenanlagen. Die Grenzkosten für die Stromerzeugung, also die Kosten für eine zusätzliche Kilowattstunde Strom, sind jedoch sehr unterschiedlich. Am billigsten ist Strom aus regenerativen Quellen („die Sonne schickt keine Rechnung“), gefolgt von Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken. Mit Abstand am teuersten ist aus den bekannten Gründen gegenwärtig Strom aus Gaskraftwerken. Werden die Energieträger mit ihren jeweiligen Produktionsmengen und Grenzkosten in einem Preis-Mengen-Diagramm aneinandergereiht, ergibt sich daraus die typische Angebotskurve mit ihrem steigenden Verlauf.

Der Gleichgewichts- oder Markträumungspreis ergibt sich dann dort, wo sich die Angebots- und Nachfragekurve treffen. Das bedeutet aber, dass der Marktpreis von dem Energieträger bestimmt wird, der gerade noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken (Merit-Order-Prinzip). Trotz aller Einsparbemühungen wird in Deutschland im Sommer 2022 immer noch rund 10 Prozent des Stroms durch Gaskraftwerke erzeugt. Mit anderen Worten, die gegenwärtig sehr hohen Grenzkosten für die Stromproduktion aus Gas bestimmen den Marktpreis für Strom hierzulande.

Und zu diesem hohen Preis verkaufen auch alle anderen Produzenten ihren Strom, auch wenn sie diesen zu viel niedrigeren Grenzkosten produziert haben. Nehmen wir den Betreiber einer Offshore-Windkraftanlage, der seinen Strom zu 10 Cent/kWh herstellt. Auch dieser wird seinen Strom zum Marktpreis von 53 Cent/kWh verkaufen, da es sich bei Strom um ein homogenes Gut handelt. Homogene Güter zeichnen sich dadurch aus, dass zwischen verschiedenen Anbietern keine Unterschiede in der Qualität oder Beschaffenheit existieren. Die Differenz von 43 Cent zwischen dem Marktpreis und den Grenzkosten in der Produktion ist der Gewinn des Betreibers der Offshore-Windkraftanlage (oder wie Ökonomen sagen, seine Produzentenrente). Ohne eigenes Zutun hat sich die Produzentenrente damit seit Jahresanfang mehr als verdreifacht (von 13 auf 43 Cent/kWh).

An dieser Gewinnexplosion entzünden sich jetzt die Gemüter. Begriffe wie Übergewinnsteuer, Gewinnabschöpfung, Preisdeckel usw. geistern durch die politische Landschaft. Dass hiervon vor allem Produzenten von Strom aus regenerativen Stromquellen betroffen wären, lässt einen schon staunen. Seit Jahren wird die Energiewende hin zu sauberen Energiequellen propagiert, und jetzt werden genau die Unternehmen bestraft, die daraufgesetzt hatten. Solche – zugegeben hohen – Gewinne stellen doch genau den richtigen Anreiz dar, verstärkt in alternative Stromquellen zu investieren. Wenn dies geschieht, werden die teuren fossilen Stromquellen aus dem Markt gedrängt (die Angebotskurve wird flacher), der Marktpreis wird sinken und die Gewinne von alleine abschmelzen.

Abschließend noch ein Wort zum möglichen Weiterbetreib von Atomkraftwerken: Selbst wenn die Gefahr eines Blackouts ausblendet wird, massive Versorgungsengpässen also ausgeschlossen werden, könnte es aus ökonomischer Sicht sinnvoll sein, die Atommeiler noch eine gewisse Zeit weiter zu betreiben. Jede zusätzliche Kilowattstunde Strom aus Atomkraft (= Rechtsverschiebung der Angebotskurve) verringert den Bedarf an teurem Strom aus Erdgas. Sollte es durch längere AKW-Laufzeiten sogar gelingen, die Stromproduktion aus Gas überflüssig zu machen, hätte dies vermutlich einen massiven Preisverfall zur Folge. Wir erinnern uns: Immer die Grenzkosten der teuersten Stromquelle, die gerade noch benötigt, bestimmt den Preis am Markt.

 

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