Es ist viel die Rede von der deutschen Wachstumsschwäche. Manchmal ist es deshalb hilfreich, die Diskussion wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Häufig wird Wirtschaftswachstum, definiert als Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP), mit einem Konjunkturaufschwung gleichgesetzt. Ein Konjunkturaufschwung kommt zustande, wenn bestehende Produktionskapazitäten durch eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage stärker ausgelastet werden. Zusätzliche Staatsausgaben und niedrige Zinsen können hierfür hilfreich sein. Die Wirtschaftsleistung nimmt in dem Maße zu, wie die Auslastung der Produktionskapazitäten steigt. In diesem Zuge sinkt üblicherweise auch die Arbeitslosigkeit. Ein typisches Beispiel ist der Konjunkturaufschwung nach der Weltfinanzkrise 2008/2009, als in den beiden Folgejahren die hiesige Wirtschaftsleistung um jeweils rund 4 Prozent zugenommen hat. Auch nach dem coronabedingten Konjunktureinbruch 2020 gab es im Folgejahr eine Zunahme des BIP um rund 4 Prozent. In beiden Fällen ging die Auslastung zunächst zurück, dank wirtschaftspolitischer Interventionen nahm sie im Anschluss wieder zu.
Das hat aber nichts mit einem dauerhaften Wirtschaftswachstum zu tun. Dieses setzt voraus, dass die Produktionskapazitäten steigen. Und in diesem Bereich erleben wir in Deutschland tatsächlich seit Jahren eine Stagnation. Das reale BIP lag im Jahr 2025 auf dem Niveau des Jahres 2019. Damit drängt sich die Frage auf, wie daran etwas geändert werden kann. Deutschland braucht Wachstum, um den mannigfaltigen Herausforderungen (demographischer Wandel, geopolitische Veränderungen, populistischer Druck usw.) begegnen zu können.
Aus der makroökonomischen Wachstumstheorie lassen sich zwei auf den ersten Blick simple Maßnahmen zur Beseitigung der Wachstumsschwäche ableiten:
- Zunahme des Arbeitsvolumens und/oder
- Erhöhung der Arbeitsproduktivität.
Mit anderen Worten, eine Mehrproduktion von Gütern verlangt entweder mehr Arbeitsleistung oder einen höheren Output je geleisteter Arbeitseinheit (oder beides zusammen.)
Wie kann das Arbeitsvolumen erhöht werden? Hier eine Auswahl an Möglichkeiten ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- Verlängerung der Lebensarbeitszeit (z.B. durch eine dynamische Anpassung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung)
- Verlängerung der jährlichen Arbeitszeit (z.B. weniger Urlaubs- und Feiertage, Karenztage bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle zur Verminderung des Krankenstandes)
- Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit
- Zusätzliche Arbeitskräfte aus der stillen Reserve aktivieren: Knapp 2 Millionen Menschen in der Grundsicherung sind arbeitslos gemeldet. Durch verbesserte Anreize und verschärfte Sanktionen (interessant in diesem Zusammenhang der Vorschlag von Hans-Werner Sinn, das Bürgergeld in einen Bürgerlohn umzuwandeln: Transferleistungen des Staates sind zwingend an eine Gegenleistung der Begünstigten gekoppelt) könnten hieraus zusätzliche Arbeitskräfte rekrutiert werden. Eine Erhöhung der Beschäftigung von Frauen setzt eine verbesserte Kinderbetreuung voraus, sodass vor allem Teilzeit- in Vollzeitstellen umgewandelt werden können.
- Neben der „Entfesselung des Arbeitskräftepotenzials“ (Issak u.a. (2026): Wirtschaftsdienst S. 28 ff, Heft 1) könnte eine qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland in den Arbeitsmarkt helfen. Gut integrierte Flüchtlinge mit Arbeitsplatz in ihre Heimatländer zurückzuführen, wäre wachstumsfeindlich.
Der zweite Maßnahmenkatalog betrifft die Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Die Arbeitsproduktivität der Arbeitnehmer steigt bei verbesserter Ausbildung und Qualifikation sowie erhöhtem Einsatz von Sachkapital. Beides setzt Investitionen hierzulande voraus, in Bildung und in Sachkapital:
- Zum Thema Bildung ist wohl schon alles gesagt. Trotz des Pisa-Schocks im Jahr 2000 sind keine grundlegenden Verbesserungen im Schulsystem feststellbar. Laut jüngster Timss-Studie hat etwa ein Viertel der Grundschüler grundlegende Probleme in Mathematik. Kurzfristige Verbesserungen sind in diesem Bereich jedoch kaum möglich, langfristig aber unabdingbar.
- Die Zahl der Schulabgänger, die auf eine Ausbildung verzichten und ohne formale Qualifikation arbeiten, ist in den letzten Jahren gestiegen. Laut Berufsbildungsbericht besaßen 2023 rund 19 Prozent der 20- bis 34-Jährigen keinen Berufsabschluss, das entsprach 2,86 Millionen Menschen. Zu diskutieren wäre hier die fatale Rolle des in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Mindestlohns, der den Anreiz erhöht, Aushilfstätigkeiten anzunehmen statt in die eigene Ausbildung zu investieren.
- Die Investitionsbedingungen für Unternehmen gehören verbessert. Sich in diesem Zusammenhang an das Grundkonzept der sozialen Marktwirtschaft zu erinnern, kann nicht schaden: Der Staat soll vor allem die Rahmenbedingungen für die Akteure vorgeben, sich ansonsten aber weitgehend aus dem Wirtschaftsgeschehen heraushalten. D.h. zum Beispiel im Hinblick auf die Klimapolitik: kein Klein-Klein wie Heizungsgesetz, Verbrenneraus, E-Auto-Subventionierung etc., sondern Ausweitung des CO2-Handels auf alle Sektoren. Wenn man den Verbrauch fossiler Brennstoffe reduzieren will, sollte man es dem Markt überlassen, wo dies am kostengünstigsten geschieht.
- Zur Verbesserung der Investitionsbedingungen gehört auch der viel zitierte Abbau der hierzulande wuchernden Bürokratie.
- Die soziale Marktwirtschaft war in ihrem Kern im Übrigen nie darauf ausgerichtet, eine vollumfängliche Versorgung für jede Lebenslage zu gewährleisten, sondern sie sollte eine Absicherung gegen die großen Lebensrisiken sein. Sie darauf zurückzuführen, würde auch Spielraum für Steuersenkungen und/oder sinkende Sozialversicherungsbeiträge eröffnen. Der Staat sollte sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren: Bereitstellung einer leistungsfähigen Infrastruktur, Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit, ein effizientes Justizsystem, ein funktionierendes Bildungssystem, um nur die wichtigsten zu nennen. Kurzum: Die Bereitstellung öffentlicher Güter. Alles was darüber hinaus geht, bedarf einer starken Begründung. Allerdings besteht gegenwärtig die Gefahr, dass der Staat die aus der zusätzlichen Staatsverschuldung („Sondervermögen“) generierten Mittel zu einem nennenswerten Teil konsumptiv verwendet (Mütterrente, reduzierte Gastro-Steuer, Kilometerpauschale, usw.), statt sie für Investitionen zu verwenden.
Wenn es gelänge, das Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen und die Belastungsfaktoren für Unternehmen (Steuern, Energiekosten, Bürokratie) zu reduzieren, wäre eine signifikante Erhöhung des Wachstumspotenzials in Deutschland sicherlich möglich. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die 2000er Jahre, als die beherzten Reformen (Hartz-Reformen, Erhöhung des Renteneintrittsalters) der damaligen rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Schröder Deutschland einen langanhaltenden Aufschwung bescherten. Trotz heute schwierigerer Rahmenbedingungen also kein unmögliches Unterfangen.