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Handels

Die Vertikalisierung im Lebensmitteleinzelhandel ist weiterhin voll in Fahrt – die Schwarz-Gruppe will den Tiefkühlbäcker ARTiback GmbH übernehmen

von Prof. Dr. Carsten Kortum
20.11.2023

Die Lebensmittelzeitung (LZ) berichtet in der Ausgabe vom 10.11.2023 von Übernahmeaktivitäten der Schwarz-Gruppe bei der ARTiback GmbH. Die Übernahme soll zum Jahreswechsel erfolgen.[1]

Die Schwarzgruppe (Schwarz Produktion Stiftung & Co. KG) baut schon seit Jahren ihre Food-Produktionskapazitäten bei Artikeln aus dem Pflichtsortiment aus. Es begann mit der MEG (1500 Mitarbeiter:innen/MA) und alkoholfreien Getränken. In der Folgejahren kamen dazu Solent (350 MA) mit Schokolade und Snacks, Bon Back (700 MA) mit Tiefkühlbackwaren, Bon Gelati (500 MA) mit Eis, Bon Presso mit Kaffee und Bon Pasta mit Teigwaren.[2] Der Umsatz wird von der LZ in der Produktion auf 2,5 Mrd. Euro Umsatz geschätzt. Bei 114,8 Mrd. Euro Umsatz von Lidl in 2022 weltweit und geschätzten 75% COGS (Cost of Good Sold=Wareneinstandskosten) macht die Produktion nur ca. 3% der Warenkosten aus und zeigt das weitere Potential einer Vertikalisierungsstrategie. Ein Vergleich mit der Migros-Produktion in der Schweiz lohnt sich. Der Umsatz in der Produktion von Eigenmarken in 2022 betrug 5,8 Mrd. CHF. Damit liegt die Vertikalisierung weltweit gesehen bei der Migros ganz vorne.[3]

Das Pflichtsortiment ist im LEH gekennzeichnet durch hohe Umschlagsgeschwindigkeiten und eher unterdurchschnittliche Handelsspannen und steht für 55-60% vom Gesamtumsatz. Diese Vertikalisierungsstrategie hat absolute Kostenvorteile durch Größenvorteile, unternehmensinterner Lernkurve und schnellere Möglichkeiten der Reaktion auf Trends mit Produktinnovationen. Ferner wird zunehmend eine Unabhängigkeit von Zulieferern bei der Fertigung von Eigenmarken angestrebt.

Bedingung für den wirtschaftlichen Erfolg ist bei hohen Fixkosten eine maximale Auslastung der kapitalintensiven Fertigungsanlagen. Bei der Vertikalisierung wird von der Schwarz-Gruppe sowohl auf einen eigenständigen Aufbau der Produktion (z.B. Kaffeerösterei Bon Presso) wie auch die Akquise gesetzt (z.B. Erfurter Teigwaren mit 170 MA). Bei der Neuerrichtung von Produktionskapazitäten wird bei einer angestrebten Kostenführerschaft die mindestoptimale Betriebsgröße (MOG) mit den niedrigsten Stückkosten angestrebt. Bei der Kaffeerösterei kann von einem Large Scale Entry ausgegangen werden.[4] Die neu gebauten Kapazität von Bon Presso soll 50.000 t betragen bei einem Kaffeeabsatz in Deutschland von 345.000 t in 2020. Dadurch verändern sich die Marktbedingungen gravierend. Es entstehen Überkapazitäten und schwächere Anbieter werden mittelfristig aus dem Markt gedrängt.[5] So hat z.B. Aldi Nord seine eher kleine Kaffeerösterei (60 MA) in Herten im Juni 2022 geschlossen.[6] Aldi Süd folgt zum Jahresende 2023 mit seiner Rösterei in Mühlheim (MA 70 MA). Die Produktion wird gebündelt in der New Coffee GmbH (160 MA) am Standort Ketsch ab 2024. Produziert wird hier für Aldi seit 1973. Bei Aldi wird folglich auch versucht den MOG zu realisieren.[7] Das Produktionsvolumen wird mit 35.000t angegeben[8], was ca. 10% vom Verbrauch in Deutschland entspricht.

Die bestehenden Anbieter hätten durch Limit-Pricing den Eintritt eines großen Anbieters verhindern können. In Branchen mit Economies of Scale kann ein Eindringling abgewehrt werden, in dem dieser daran gehindert wird eine optimale Betriebsgröße zu erreichen. Die Addition der MOG der bisherigen Markteilnehmer entspricht der Nachfrage zum derzeitigen Preisniveau (Limit Price). Für einen weiteren Anbieter zur MOG besteht keine Nachfrage. Die Preise müssten deutlich sinken am Markt. Bei der Kaffeerösterei konnte durch diese Limit-Pricing-Strategie der Eintritt jedoch nicht verhindert werden, da die Schwarz-Gruppe mit nicht zu wenig Nachfrage konfrontiert wurde, die Nachfrage kommt von Lidl und Kaufland aus der eigenen Gruppe.

Neben reinen Größenvorteilen ist in der Produktion aber inzwischen sehr wichtig die effiziente Produktion auch von kleineren Losgrößen. Die MEG liefert so z.B. in 25 Länder an Lidl und Kaufland alkoholfreie Getränke mit 300 verschiedenen Artikeln. Europaweit gibt es im Sortiment eine große Sortimentstiefe, die bedient werden muss. Auch die Produktion für Drittkunden, die nicht in einer Wettbewerbsposition mit Lidl oder Kaufland sind, wäre zukünftig denkbar. Aldi verkauft z.B. Kaffee nach Osterreich, Schweiz und in die USA[9], wobei hier jeweils Aldi Landesgesellschaften aktiv sind.

Nachteil der Vertikalisierung ist der hohe langfristige Kapitalbedarf bei derzeit hohen variablen und fixen Zinsen bei der nötigen Finanzierung und der hohe Fixkostenblock. Fehlendes Know-How in der Produktion ist in der Schwarz-Gruppe kein Thema. Produktionswissen bei Food ist vorhanden.

Der 2016 gegründete und ab 2018 mit der Produktion startende Produzent für Tiefkühlbackwaren ARTiback (150 MA) mit dem Fokus auf Spezialitäten, beliefert schon Lidl und würde die eigenen Produktionskapazitäten von Bon Back gut ergänzen, wo seit 2012 die Aufback-Klassiker im Backregal produziert werden. Die Produktion ist sehr kapitalintensiv, das Anlagevermögen bei ARTiback beträgt laut dem letzten veröffentlichten Jahresabschluss des Geschäftsjahres 2021 32 Mio. Euro bei einem Rohergebnis von 15,9 Mio. Euro. Die wirtschaftliche Situation von ARTiback mit hohen Verlustvorträgen aus den Vorjahren ist bisher eher von einer schnellen Geschäftsexpansion und Anlaufverlusten geprägt, wenngleich der operative Cash-Flow mit 3,0 Mio. Euro inzwischen deutlich positiv ist. Der Gewinn entspricht mit 0,1 Mio. Euro eher einer schwarzen Null. Das Eigenkapital beträgt zum Ende des Geschäftsjahres nur noch 1,8 Mio. Euro.[10] Die Eigenkapitalquote mit 5,2% ist damit sehr niedrig und erlaubt sicherlich keine weitere Expansion ohne neue Geldgeber. Die Finanzierung erfolgt bisher überwiegend durch Banken. Die Schwarz-Gruppe ist jetzt der Geldgeber für die weitere Expansion. Der in der LZ genannten Kaufpreis in zweistelliger Millionenhöhe scheint bei dem geringen Eigenkapital allerdings sehr hoch.

ARTiback hat nicht nur Lidl im LEH beliefert. Nach der Übernahme müssen sich diese Händler nach neuen Bezugsquellen umschauen. Aldi Süd mit „Meine Backwelt“ ist in der Listung nach Storecheck in Heilbronn davon nicht betroffen. Die Tiefkühlbackwaren werden von einer Vielzahl von anderen Lieferanten bezogen. Mit dabei sind neben über 60 regionalen Bäckern für frische Produkte die Platzhirsche Harry Brot, Lieken und Aryzra Backeries.[11] Die Vielzahl der Lieferanten bei Aldi Süd überrascht und weist auf tendenziell höhere Prozesskosten hin.

 

Bild2 2

Abb.2: Lidl Backshop Filiale Heilbronn Neckarsulmer Str. (eigene Aufnahme)

Ein Absatzrisiko besteht für Tiefkühlbackwaren perspektivisch nicht. Verbraucherr:innen werden weiterhin ihren Backwareneinkauf noch weiter in die Backstationen des Lebensmitteleinzelhandels verlagern. Die Discounter sind derzeit die Gewinner, 39% der Bachwaren werden im Discount verkauft nach Gfk-Zahlen. Die Umsätze sind um 22,5% und die Mengen um 5% gegenüber Vorjahr angestiegen.[12] Auch wird prognostiziert ein Trend zu Regionalität, Nachhaltigkeit mit höherer Wertigkeit, mehr Sortimentsvielfalt und individualisierte Produkte mit geringeren Produktionsmengen.[13] Mit ARTiback sichert sich die Schwarz-Gruppe zusätzliche Kapazitäten und Kompetenzen bei Spezialitäten.

Wichtig ist für die langfristige Strategie in der Schwarz-Gruppe, dass strategisch in die Geschäftsfelder weiter investiert wird, die derzeit den Cash-Flow erwirtschaften und nicht nur in neue Geschäftsfelder wie IT-Sicherheit, Containerschifffahrt und Cloud-Business. Die Cash-Cow in der Schwarz-Gruppe ist weiterhin Lidl mit seinen Auslandsgesellschaften sowie Kaufland Osteuropa. Die Produktion der Pflichtsortimente stärkt diese Cash-Flow-Bringer verlässlich.

 

[1] Vgl. https://emag.lebensmittelzeitung.net/titles/lebensmittelzeitung/3497/publications/771/articles/1927787/1/8

[2] Vgl. https://schwarz-produktion.com/produktion/

[3] Vgl. https://corporate.migros.ch/de/medien/mitteilungen/show/news/medienmitteilungen/2023/umsatzkommunikation-2022~id=8e9f0848-a7db-489a-a801-13d47fa90b80~.html

[4] Vgl. Wied-Nebeling, Preistheorie und Industrieökonomik, 2004, Springer, S.246f.

[5] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/industrie/nachrichten/kaffee-hersteller-fuerchten-start-von-lidl-roesterei-163518

[6] Vgl. https://www.derwesten.de/staedte/essen/aldi-nord-sued-einkaufen-preis-kaffee-roesterei-schliessung-jobs-herten-discounter-id235580191.html

[7] Vgl. https://www.lebensmittelzeitung.net/handel/nachrichten/kaffeeproduktion-aldi-sued-schliesst-roesterei-in-muelheim-165520

[8] Vgl. https://www.newcoffee.de/de/ueber_uns

[9] Vgl. https://www.newcoffee.de/de/ueber_uns

[10] Vgl. https://www.bundesanzeiger.de/pub/de/suchergebnis?7

[11] Vgl. für einen Überblick der TK-Backwarenanbieter unter https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-008371/p_fofoe_WP_254_2022.pdf

[12] Vgl. https://emag.lebensmittelzeitung.net/titles/lebensmittelzeitung/3497/publications/772/articles/1932159/39/1

[13] Vgl. https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-008371/p_fofoe_WP_254_2022.pdf

Titelbild: Lidl Artikel aus der Schwarz-Produktion, Filiale Heilbronn Neckarsulmer Str.(eigene Aufnahme)

 

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