Suche
Close this search box.

Handels

Herausforderungen bei Baumwollimporten: time to act

von Prof. Dr. Carsten Kortum
30.10.2023

Händler und Hersteller müssen ihre Lieferketten prüfen und nach

Alternativen zur chinesischen Region Xinjiang suchen.

Mit Isotopentests lässt sich auch im Endprodukt die Herkunft der verarbeiteten

Baumwolle nachweisen. Das fordert die Branche und wird die Kosten steigern.

 

In den letzten Jahren hat sich der Import von Baumwolle aus China zu einer echten Herausforderung für Unternehmen weltweit entwickelt. Die jüngsten Meldungen im August und September 2023 aus den USA und Kanada sprechen von blockierten Lieferungen, die aufgrund von Zollproblemen zu erheblichen Verzögerungen oder sogar Einfuhrverweigerungen führen. Ein Szenario, das nicht nur diese Einfuhrländer, sondern auch Deutschland und andere europäische Länder in naher Zukunft treffen könnte. Die USA haben den ” Uyghur Forced Labor Prevention Act” (UFLPA) im Juni 2022 erlassen mit einem Importverbot von Waren aus der Provinz Xinjiang, während Deutschland das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) auf den Weg gebracht hat. Diese Gesetzgebungen verfolgen unter anderem das Ziel, die Einhaltung ethischer und nachhaltiger Standards in der Baumwollproduktion sicherzustellen und erfordern eine sehr hohe Transparenz in der Lieferketten

In diesem Kontext nimmt die Bedeutung der Rückverfolgbarkeit in der Baumwolllieferkette schlagartig zu. Insbesondere in den USA sind die Anforderungen an Dokumentation und Transparenz äußerst komplex und anspruchsvoll. Es ist unabdingbar, die genaue Herkunft der Baumwolle beim Import zu belegen, um sicherzustellen, dass sie den festgelegten ethischen und nachhaltigen Standards genügt. Dies zu erreichen, stellt Unternehmen vor eine große Herausforderung.

Die Baumwollproduktion selbst ist schon von Natur aus komplex. Gerade in Spinnereien, in denen meistens Baumwolle unterschiedlicher Herkunft verarbeitet wird, besteht das Risiko unerwünschter Vermischungen. Obwohl dies eine komplexe Problematik darstellt, ist sie doch durch die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Partnern gut zu bewältigen. Ein detailliertes Monitoring und eine umfassende Dokumentation sowie Überprüfung während des gesamten Herstellungsprozesses sind unerlässlich, um die Herkunft der Baumwolle sicher zu dokumentieren.

Im Bereich der Analyse wird durch den sich abzeichnenden Einsatz von Isotopentests zur genauen Bestimmung der Baumwollherkunft im Endprodukt weiter Druck auf Produzenten und Händler aufgebaut. Diese Technologie hat sich bereits in der Lebensmittelanalyse bei der Aufdeckung von Produktfälschungen bewährt. Die Verteilung der Isotope bestimmter chemischer Elemente wie Sauerstoff, Wasserstoff oder Stickstoff ist für jede Region auf der Erde charakteristisch und einzigartig. Isotopentests ermöglichen damit die Herkunftsbestimmung der Baumwolle auf molekularer Ebene, was eine präzise Überprüfung auch im Endprodukt ermöglicht. Die Kosten für Tests liegen inzwischen unter 500 Euro und können auch mit kleinen Materialproben innerhalb weniger Stunden aus dem Fertigprodukt erfolgen. Diese massentaugliche Methode wird dann voraussichtlich nicht nur von den Zollbehörden genutzt werden, sondern auch kritische Medien, NGOs und Stakeholder werden von dieser Methode Gebrauch machen.

 

Bild2 1

Analyseprozess der Isotopenanalyse (Quelle: CSI Ltd, 2023)

 

Die Relevanz dieser Entwicklungen für den Handel ist nicht zu unterschätzen. Betroffen sind beim Import in die USA bisher unter anderem Walmart, Hugo Boss, Diesel, Nike und Ralph Lauren. Händler und große Markenartikler sitzen in einem Boot in stürmischer See. Von den deutschen Händlern dürften Aldi und Lidl mit Ihrem Nonfood-Aktionsgeschäft in den USA tangiert werden.

 

Bild3

Textilwerbung Aldi USA KW 44/2023 (Quelle:https://www.aldi.us/en/weekly-specials/upcoming-aldi-finds/upcoming-aldi-finds-detail/ps/p/serra-ladies-2-pack-relaxed-t-shirt/)

 

Im Mai diesen Jahres wurde bei ca.25% der Importe von Textilien und Schuhen in den USA Baumwolle aus Xinjiang nachgewiesen. Baumwolle aus der Provinz Xinjiang macht 90% der Bauwollproduktion Chinas und 20% der globalen Produktion aus. China liegt 2022/23 als weltweit größter Baumwollproduzent knapp vor Indien mit den Erntemengen. Diese Produktion wird auch in wichtigen Textil-Lieferländern wie Vietnam, Kambodscha und Bangladesch exportiert (kaum jedoch Indien und Pakistan aus politischen Gründen und wegen heimischer Produktion). Insofern ist auch Fertigware aus anderen Ländern vom Importverbot der USA direkt betroffen.

 

Bild4

Produktionsländer für Baumwolle der letzten 3 Jahre (Quelle: Statista)

 

Im Ergebnis werden sich die Lieferketten in die USA sofort anpassen müssen und neben den üblichen chemischen und physikalischen Tests durch externe Prüfinstitute werden bei der Einfuhr Herkunftsnachweise mittels Isotopenanalyse erfolgen. Die Suche nach Alternativquellen für Baumwolle wird sich nicht einfach gestalten und die Material- und Prüfkosten erhöhen.

Im September 2023 gab es einen Vorschlag der EU-Kommission zum Verbot der Einfuhr von Produkten aus Zwangs- und Kinderarbeit mit der „EU Forced Labour Regulation“.   In der EU wird mit der Umsetzung der Forces Labor Regulation ein generischer Ansatz verfolgt. Nicht nur Baumwolle aus China und die Fertigprodukte Textilien, Heimtextilien und Schuhe wären betroffen, sondern wie beim Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz alle Warengruppen aus allen Ländern.

Die wachsenden Probleme im Baumwollimport aus China, kombiniert mit den strengeren Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit, erfordern ein sofortiges Handeln von Unternehmen und Behörden. Der Einsatz von Isotopentests stellt eine neue Lösung dar, um die Herkunft der Baumwolle nachzuweisen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen können Importeure diese Herausforderungen bewältigen und die Baumwollbranche auf einen verantwortungsbewussten und nachhaltigen Pfad lenken. Die Zeit zu handeln ist jetzt gekommen, um die Zukunft des Verkaufs mit Produkten aus Baumwolle an die geänderten Rahmenbedingungen anzupassen und die immer schärferen gesetzlichen globalen Anforderungen in der Branche umzusetzen.


Titelbild: Baumwollfeld (Quelle: https://pixabay.com/de/photos/baumwolle-cotton-field-wei%C3%9F-4649804)

Die neusten Studien

Band21 Shadow

Band 21

Kriterien der Einkaufsstättenwahl in der DIY-Branche. Eine empirische Untersuchung zum Konsumentenverhalten in der Baumarktbranche.

Maximilian Timm, Carsten Kortum

Oktober 2023

Band20 Shadow

Band 20

Kundenreaktion auf Out-of-Stock von Food- und Nonfood- Aktionsartikeln bei verschiedenen Betriebstypen im Lebensmitteleinzelhandel

Marcel Gimmy, Prof. Dr. Carsten Kortum

Mai 2023

Titel Band 19 Homepage Neu

Band 19

Klimaneutralität im deutschen LEH
Diskussionsbeitrag auf Basis von acht Experteninterviews

Alesia Kehl, Stephan Rüschen

November 2022

Die neusten Whitepaper

Nr. 29
Kernaussagen des Retail Innovation Days Special 2023: ‘Smart Stores 24/7 – Autonom in die Zukunft?’
Stephan Rüschen, Julia Schumacher
März 2024
Nr. 28
Attitude-Behavior-Gap im LEH – eine empirische Analyse und Handlungsempfehlungen (Entwicklung 2021 bis 2023)
Nele Berg, Carsten Kortum, Stephan Rüschen, Julia Schumacher
Dezember 2023
Nr. 27
Zeitenwende im Bio-Fachhandel
Stephan Rüschen, Julia Schumacher
November 2023

Die neusten Blogbeiträge

Wer sitzt in Verhandlungen am längeren Hebel? Ein Überblick über Mittel, die uns in Verhandlungen Macht verschaffen

von Prof. Dr. Michel Mann

Mikroökonomische Praxis: Mindestpreise und Zölle bei Weizen

von Prof. Dr. Oliver Letzgus

Lowcost-Händler Costco Wholesale ist ein Blick wert

von Prof. Dr. Carsten Kortum

Was man beim Brezelkauf alles lernen kann – ein kleiner Ausflug in die Brezelökonomie

von Prof. Dr. Oliver Letzgus

Zukunft des Handels: Ein Blick ins Jahr 2050 durch KI-generierte Videos

von Leah Fischer (Duale Studentin Handel)