Handels

In 120 min zur Quarantäne-Cola, geht das?

von Kevin Schäfer, Pascal Schulz, Olympia Soufli, Marius Ueberschär
23.05.2022

Ein Erfahrungsbericht

Getränke bestellen und liefern lassen, ein Service der sich nicht nur sehr bequem anhört, sondern auch sehr teuer ist. Man kennt es von den Getränkemärkten unseres Vertrauens. Mit großen Lastern fahren sie durch ihr Liefergebiet, beliefern Kneipen, Restaurants und auch ein paar Private Haushalte. Meist waren dies in der Vergangenheit ältere Menschen, welche es selbst nicht mehr schaffen, die schweren Getränkekisten zu transportieren.
Man stelle sich vor, man befände sich in der Corona-Quarantäne. Man ist gerade in eine neue Stadt gezogen, die Familie wohnt weit entfernt und noch dazu kennt man die neuen Nachbarn kaum. Was tut man also, um in den Genuss einer kalten Cola zu kommen?
Der einfachste Weg wäre den nächstgelegenen Getränkemarkt anzurufen, voraussichtliche Lieferung: morgen, dazu Lieferkosten und eine Lieferung bis an die Bordsteinkante. Aus der Quarantäne heraus leider nicht möglich.

 

Doch wie löst man dieses Problem?

Es bräuchte ein Unternehmen, welches Lieferungen effizient und kostengünstig planen kann, diese am besten noch bis in die Wohnung trägt und dazu noch den gesamten Bestellprozess vereinfacht sowie beschleunigt.
Wenn ich dieses Problem entdeckt und mich noch dazu mit einer Lösung beschäftigt hätte, würde ich wahrscheinlich jetzt nicht hier an meinem Schreibtisch sitzen und diesen Blogbeitrag schreiben, sondern in Podcasts wie „Online Marketing Rockstars“ ein Interview über mein erfolgreiches Start-Up geben. 
Leider war ich jedoch nicht der Entdecker dieser Marktlücke und auch nicht der kluge Kopf, welcher sich mit einer Lösung beschäftigt hat. Dies waren die Gründer des Unternehmens Flaschenpost, welches seit seiner Gründung im Jahr 2016 inzwischen bereits mehr als 7000 Mitarbeiter beschäftigt, mit deren Hilfe das Unternehmen bereits in 180 Städten tätig ist und über 30 Lagerstandorte verfügt.

 

Gibt es das auch in Bielefeld?

Seit Juli 2020 gibt es Flaschenpost nun auch in Bielefeld. Durch die violetten Bullis, den sehr hohen Anteil an Außenwerbung (ja sogar eine Straßenbahn gibt es bei uns im Flaschenpost-Design), kommt man in meiner Stadt nicht um Flaschenpost drum herum. Ich habe mich bislang nicht mit den Unternehmen beschäftigt, aber heute sollte vielleicht der erste Tag sein, an dem ich das Angebot nutzen werde.
Ich öffne die Seite Flaschenpost.de. Mir springt ein Pop-Up entgegen, ich muss die Postleitzahl eingeben. 33758, ein Vorort von Bielefeld.
Mir springt das klare Wertangebot des Unternehmens in knalligen Farben in das Auge. „120 Minuten, einfache Pfandrückgabe, keine Versandkosten“, das sollte meine Probleme doch lösen. Ich navigiere schnell durch den Online-Shop, auf meiner Liste: Eine Kiste Cola, eine Kiste Bier (die Quarantäne muss man sich ja irgendwie schöntrinken) und eine Kiste Wasser. Immer an erster Stelle neue Marken, Glucks oder Klar Wasser, habe ich ja noch nie gehört. Ich gehe zum Check-Out, bezahle mit PayPal. Mal schauen, wie lange es braucht, bis die Quarantäne Cola bei mir zuhause ist.
45 Minuten. So lange dauert es bis es an der Tür klingelt. Die Getränke sind schon da.
Voller Schweiß trägt der nette Fahrer mir die drei Kisten bis an die Haustür.

 

Wie schafft es Flaschenpost in unter 120 Minuten Getränke an die Haustür zu liefern?

Ich erinnerte mich dunkel an einen Podcast von „OMR“ (Online Marketing Rockstars), in dem es um das Unternehmen Flaschenpost ging.
Flaschenpost würde sich nicht nur als Getränkelieferdienst bezeichnen. Es möchte sich auch klar von den alteingesessenen Unternehmen dieser Branche als Logistik und Informatik Unternehmen abgrenzen. So kommt der Gründer Stephen Weich selbst auch aus der IT-Branche und hatte ursprünglich – bis auf den Konsum dieser – nichts mit Getränken zu tun.
Er fand die Logistik von Lebensmitteln und Getränken hochinteressant und hatte sich selbst Gedanken darüber gemacht, dass diese für Privathaushalte doch wesentlich effizienter und kostengünstiger umsetzbar sein müsste.

 

Die Getränke- und Lebensmittelbranche ist hierbei nicht unwichtig, da sich diese an den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen orientiert. Das Grundprodukt von Flaschenpost befindet sich also auf der Maslowschen Bedürfnispyramide ganz unten und betrifft somit das Verlangen eines jeden Menschen auf dieser Welt, wir alle benötigen Flüssigkeit.
Ein Grundbedürfnis ist ja schön und gut, ich merkte, wie ich unglaublichen Durst bekommen habe. Trotzdem klingt das Wertangebot für mich immer noch zu gut, um wahr zu sein.
Ich meine, es gibt ja auch andere Lebensmittel Lieferdienste wie Rewe-Online, darüber bestellen meine Nachbarn, ein älteres Ehepaar, immer.
Auch bei Rewe kann man seine Bestellung fest terminieren und sich die Bestellung bequem in die Wohnung liefern lassen. Ein Unterschied, welcher hier jedoch auffällt, liegt in den Liefergebühren von Rewe-Online. So hat man bis zu einem Bestellwert von 100€ Lieferkosten von bis zu 5,90€. Noch interessanter wird das Ganze bei der Lieferung von Getränken. Hier besteht ebenfalls ein Mindestbestellwert von 50,00€ und noch dazu muss man ab der 3. Getränkekiste für den Mehraufwand eine Gebühr von 1,50€ pro Kiste bezahlen.

 

Wie kann es also sein, dass Flaschenpost diese Lieferungen schon ab 20,00€ ohne Gebühren durchführt, während eine Marktgröße wie Rewe sich die Lieferungen deutlich entlohnen lässt?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, sollten wir die Schlüsselaktivitäten von Flaschenpost betrachten, um das Geschäftskonzept besser verstehen zu können.
Wie oben bereits erwähnt, versteht sich Flaschenpost selbst nicht einfach nur als Getränkelieferant, sondern vielmehr als ein Logistikunternehmen, welches auf einem ausgeklügelten IT- Prozess basiert. Sie verfügen über ein selbst entwickeltes ERP-System (=Enterprise Ressource Planning System), welches Flaschenpost im gesamten Logistikprozess unterstützt.
Dieses Konzept ermöglicht es ihnen die Lieferungen sehr effizient zu gestalten und zu planen. Durch die effiziente Routenplanung können viele Kunden mit einer Tour angefahren und beliefert werden, sodass das Lieferfahrzeug nicht nach jedem Kunden erst wieder im Lager neu beladen werden muss. Hierdurch werden die Routen sehr kosteneffizient geplant, sodass intern geringere Lieferkosten entstehen als bei anderen Mitbewerbenden. Des Weiteren bezieht Flaschenpost seine Waren direkt von den Herstellern, wodurch die Logistik besser geplant werden kann. Der Bullwhip-Effekt, also Schwankungen bis hin zu fehlenden Bestellmengen, wird so fast bereinigt.
Dazu hat Flaschenpost Eigenmarken, wie Glucks und Klar Getränke.
Ach genau, das waren diese zwei Marken, welche im Shop am besten platziert wurden und die ich noch nicht kannte. Bei diesen Produkten behält Flaschenpost die komplette Handelsmarge.

 

Ich bekomme gerade eine neue Mail von Flaschenpost, ich soll den Service bewerten. Dazu soll ich angeben, ob ich auf einer Skala von 1-10 Flaschenpost weiterempfehlen würde.
Irgendwie kommt mir das bekannt vor, Stichwort „Net Promoter Score“. Flaschenpost nutzt diese Kennzahl, um die Weiterempfehlungsquote des Unternehmens zu berechnen. Der „Net Promoter Score“ liegt bei Flaschenpost bei 85. Das ist schon ziemlich hoch. 
Ein zufriedener Kunde kommt bekanntlich wieder, ich würde Flaschenpost auf jeden Fall weiterempfehlen. Ich meine, ich habe sogar einen Rabattcode nach der ersten Bestellung bekommen.

 

Welche Kunden bestellen eigentlich bei Flaschenpost? Bin ich mit meinen jungen 22 Jahren eine Ausnahme?

Eigentlich gibt es keinen genauen Kundenkreis, da Flaschenpost ein Grundbedürfnis liefert. Und somit alle Menschen anspricht.
Bezieht man sich auf eine Unternehmenspräsentation, liegt der wohl wichtigste Kundenkreis für Flaschenpost jedoch im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Dies sind Menschen, welche fest im Leben stehen, meist nicht mehr bei Ihren Eltern wohnen, fest angestellt sind und einen Alltag haben, welcher es Ihnen nicht immer möglich macht, ihren Nachmittag mit langen Einkaufstouren zu verbringen.
Da die Distribution des Unternehmens auf „App“ oder „Website“-Kaufende ausgelegt wurde, ist diese Altersgruppe ebenfalls prädestiniert dafür, sich von Flaschenpost überzeugen zu lassen.

Die Zielkundschaft des Unternehmens könnte also zum Beispiel eine junge Familie im Alter von Mitte 30 sein. Sie wohnen im 4. Stock eines Mehrfamilienhauses, die Eltern sind beide berufstätig und die Kinder im Alter von 3 und 5 Jahren gerade im Kindergarten. Bis auf die Familie passt das für mich.

 

Stichwort Familie. Mir fällt ein, dass ich den Rabattcode meinen Eltern schicken könnte. Für die wäre die Lieferung an die Haustür sicherlich auch sehr wertvoll. Ich rufe meine Eltern an und sie bestellen auch direkt die selben Produkte, was uns jedoch beide wundert sind die unterschiedlichen Preise.
In der Innenstadt von Bielefeld kostet der Warenkorb 2 Euro mehr als in meinem Vorort. Wieviel kostet es dann wohl in Hamburg? 4 Euro mehr. Und in Berlin? 3 Euro mehr.

 

Wie kommen diese Unterschiede zustande?

In der Einnahmestruktur von Flaschenpost ist Dynamic Pricing sehr wichtig, so kann anhand der Postleitzahl eine räumliche Preisdifferenzierung vorgenommen werden. Eine andere Stadt bedeutet auch eine unterschiedliche Zahlungsbereitschaft, so kann der Preis auf lokale Unterschiede angepasst werden und ein möglichst hoher Preis abgerufen werden.
„Hast du schon gehört, Flaschenpost wurde von Dr. Oetker für eine Milliarden Euro gekauft“, sagt meine Mutter durch den Hörer“, für einen Bielefelder, wo die Firma Dr. Oetker ihren Sitz hat, ist das eine große Nummer.

 

Warum investiert ein Big-Player in der Nahrungsmittelbranche in Flaschenpost?

Hersteller zieht es immer mehr in die Nähe des Kunden. Gerade in der Corona Krise konnte Flaschenpost das Wachstum noch steigern. Die Menschen haben sich schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 beliefern lassen und die Belieferung auch nach der Wiedereröffnung der Geschäfte aufrechterhalten. Seitdem konnte Flaschenpost stetig wachsen. So habe sich der Umsatz von 2018 auf 2019 und von 2019 auf 2020 jeweils verdreifacht. Allein im Oktober diesen Jahres habe Flaschenpost.de rund 27 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Dr. Oetker dürfte wohl vor allem davon beeindruckt worden sein, dass es Flaschenpost gelungen ist, Bier- und Wassereigenmarken zu etablieren. Die Radebergergruppe, welche zu Oetker gehört, vertreibt so ihre Marken auch über Flaschenpost und wird besonders gelistet.
Immerhin 15 Prozent des Gesamtumsatzes sollen inzwischen von den eigenen Biermarken eingefahren werden. Für Dr. Oetker könnten sich zudem neue Vertriebswege auch für ihre anderen Sortimentsteile ergeben.

 

Hoffentlich bin ich bald wieder gesund, aber bei Flaschenpost werde ich auch nach der Quarantäne weiterhin bestellen. Mal schauen, wie schnell sie bei der Lieferung meiner Eltern sind.

 

Quellenverzeichnis:

  1. https://omr.com/de/flaschenpost-ceo-stephen-weich-omr-podcast/ (08.03.2022)
  2. https://www.flaschenpost.de/liefergebiete (08.03.2022)
  3. https://flaschenpost.de (08.03.2022)
  4. https://bvl-digital.de/podcast/30-flaschenpost-eine-logistik-startup-erfolgsstory-aus-muenster (08.03.2022)
  5. https://www.deutsche-startups.de/2020/11/05/flaschenpost-investoren/ (08.03.2022)
  6. Quelle Bild: https://www.flaschenpost.de/newsroom/mediathek

 

Die neusten Studien

Versuch 2Band 15 Einband Payment 2021

Band 15

Payment 2021 – Stand, aktuelle Entwicklung sowie Ausblick

Ludwig Hierl

Februar 2022

Band14 Shadow

Band 14

Food Waste – Wertschätzung von Lebensmitteln im Handel

Beate Scheubrein, Maren Ann-Kathrin Jakob

November 2021

Band13 Shadow

Band 13

Adaption von neuen Nonfood-Produkten im Handel

Carsten Kortum

Juli 2021

Die neusten Whitepaper

Nr. 16
Discount-Studie über Aldi, Lidl, Netto MD,
Netto Stavenhagen, Norma und Penny
Fakten, Zahlen, Vergleiche
Julia Schumacher, Stephan Rüschen et al.
Juni 2022
Miniatur Titelbild
Nr. 15
Smart Stores 24/7 – Eine Nische etabliert sich
Julia Schumacher/ Stephan Rüschen
Mai 2022
WP 15 Transparenter Hintergrund
Nr. 14
Fashion Forecast 2022 – Unternehmensplanung in Zeiten von COVID19 und Ukrainekrieg
Leo Faltmann / Oliver Janz
April 2022
WP14 Thumb

Die neusten Blogbeiträge

Digitale Geschäftsmodelle im Handel in der Krise?

von Carsten Kortum

Smart Stores 24/7 – Eine Nische etabliert sich

von Prof. Dr. Stephan Rüschen, Julia Schumacher

Das Verkaufsgespräch in Zeiten angespannter Lieferketten

von Prof. Dr. Carsten Kortum

20 TEU haben die Welt verändert und bestimmen auch heute die Warenverfügbarkeit

von Prof. Dr. Carsten Kortum

Marktanteilsverschiebungen im LEH eher evolutionär statt disruptiv

von Prof. Dr. Stephan Rüschen

Login

Kompetenznetzwerk - Logo Header